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Pressemeldung

Nr. 190 / 1996

20. Dezember 1996 : Das "Tolopen Volk" war für die Wirtschaft im Nachkriegsdeutschland unverzichtbar - Neue Publikation: Flüchtlinge und Vertriebene im Raum Osnabrück nach 1945

Sie galten als "Tolopen Volk" aus dem Osten, das nicht einmal "richtig" Deutsch sprechen konnte, als enorme Belastung für die öffentlichen Kassen, als Konkurrenten um die ohnehin viel zu knappen Ressourcen der bettelarmen Nachkriegszeit. "Flüchtlinge, also, das war in der ersten Zeit doch ein sehr bitteres Wort", sagt im Rückblick eine gebürtige Schlesierin, Jahrgang 1931, die in Osnabrück ihre zweite Heimat gefunden hat. Eine an der Universität Osnabrück erstellte Studie rückt jetzt allerdings das bis heute gängige Klischee von den Heerscharen der Zugewanderten, die als Habenichtse auf Kosten der Einheimischen lebten, zurecht: Flüchtlinge und Vertriebene waren keine Almosenempfänger, sondern leisteten im Regierungsbezirk Osnabrück einen erheblichen Beitrag zum wirtschaftlichen Neuanfang. Durch Mobilität, Anpassungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft, durch Wissen und Können haben sie die Entwicklung von Industrie und Dienstleistungsgewerbe "entscheidend gefördert", schreibt Dr. Bernhard Parisius. Der Leiter des Staatsarchivs Aurich hat den einleitenden Aufsatz zu dem Band "Flüchtlinge und Vertriebene im Raum Osnabrück nach 1945" verfaßt, der jetzt im Universitätsverlag Rasch von Dr. Parisius, dem Osnabrücker Migrationsforscher Prof. Dr. Klaus J. Bade und dem Historiker Hans-Bernd Meier veröffentlicht worden ist.

Das Buch geht auf ein von Prof. Bade geleitetes Forschungsprojekt zurück, bei dem Mitte der achtziger Jahre die Geschichte der Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen in Osnabrück und dem Osnabrücker Land untersucht wurde. Dabei stellten sich die Forscher insbesondere die Frage, wie die Betroffenen selbst die Eingliederung erlebt haben. Ausschnitte aus den 1985 und 1986 geführten, mehrstündigen Interviews mit 30 Zeitzeugen sind - thematisch geordnet - in Auszügen aufgenommen worden, zwei weitere Gespräche - weitgehend ungekürzt - stammen aus dem Jahr 1995. Das Fazit der Wissenschaftler, die die Zeitzeugeninterviews unter anderem auf der Basis von unterschiedlichen Statistiken ausgewertet haben: Über die langfristigen psychischen Folgen der Einwanderung und den damit verbundenen Belastungen und Zumutungen ist bis heute kaum etwas bekannt, immerhin galt aber zumindest nach wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten die Integration bereits ab Mitte der fünfziger Jahren als weitgehend abgeschlossen - wenn auch unter den falschen Vorzeichen eines von den Einheimischen getragenen "Flüchtlingswunders". Dazu Prof. Bade, der an der Universität Osnabrück das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) leitet: "Die Eigenleistung der Betroffenen ist bewußt hintangestellt worden. Verkannt wurde vielfach auch, daß Flüchtlinge und Vertriebene durch ihre wirtschaftliche Leistung den Lastenausgleich im Grunde wesentlich selbst finanziert haben."

Die Studie macht zugleich deutlich, daß die Stadt Osnabrück in der unmittelbaren Nachkriegszeit zum eigenen Vorteil durchaus eine sehr bewußte "Zuwanderungspolitik" anstrebte. Für den Aufbau wurden dringend Arbeitskräfte gebraucht. Und so nahm die stark zerstörte Stadt, obwohl sie von den Vertriebenentransporten offiziell ausgeklammert blieb, dennoch Flüchtlinge und Vertriebene in größerer Zahl auf: Bis zum Jahre 1950 stieg ihr Anteil an der Osnabrücker Bevölkerung auf fast zehn Prozent. Dabei gewährte Osnabrück - trotz aller Probleme bei der Unterbringung und der Versorgung - vor allem den "besonders tüchtig scheinenden" Flüchtlingen und Vertriebenen, so Dr. Parisius, Einlaß in die Stadt.

Klaus J. Bade / Hans-Bernd Meier / Bernhard Parisius (Hg.): Zeitzeugen im Interview. Flüchtlinge und Vertriebene im Raum Osnabrück nach 1945, Universitätsverlag Rasch, Osnabrück 1996, 216 Seiten