Von Hausbesetzern und alten Matrikelbüchern: Ein Blick ins Universitätsarchiv
„Wegwerfen ist ein wichtiger Aspekt meines Berufes“
Wer wissen will, warum einmal Studierende ein Haus an der Ritterstraße besetzten, was im allerersten Senatsprotokoll der Universität Osnabrück stand oder warum das Wappen der Jesuitenuniversität ein Vorlesungsverzeichnis aus den 1970er Jahren prägte – der muss sich in die Schloßstraße 29 begeben.
Unter dem Dach des Niedersächsischen Landesarchivs sind hier die Archive der Universität und der Hochschule Osnabrück sowie seit Kurzem auch des Studierendenwerks untergebracht. „233 laufende Meter sind es allein für die Uni“, sagt Universitäts- und Hochschularchivar Dr. Thorsten Unger. Denn das ist die gängige Maßeinheit für den Umfang eines Archivs: Regalmeter.
233 Meter Uni-Geschichte
In schwarzen Sneakern flitzt Thorsten Unger die Wendeltreppe des hellen 50er-Jahre-Baus hinunter. Wer sich zwischen den Stockwerken voll schier endlos wirkender Regalreihen zurechtfinden will, muss flott unterwegs sein.
Seit 2011 dokumentiert das Universitätsarchiv die Geschichte der Uni und der Menschen, die sie geprägt haben, seit 2013 ist es Thorsten Unger, der dieses Wissen sortiert, verwaltet, hegt und pflegt. „Die Vorstellung, dass ein Archivar irgendwo allein im stillen Kämmerlein zwischen einem Berg von Akten sitzt, ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt der 48-Jährige. Ein Archivar muss rausgehen, muss wissen, was los ist an der Universität, und er muss gut vernetzt sein.
"Haben hier vor allem Flachware"
In seinem Büro steht eine Büste von Adolf Reichwein, dem Pädagogen, der einst Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete, und nach dem die Vorgängereinrichtung der Universität – die Adolf-Reichwein-Hochschule – benannt wurde. Die Büste wurde vermutlich einst für ein Symposium oder eine Ausstellung in den 1980er Jahren angefertigt, war dann eine Zeit lang in der Universitätsbibliothek und fand von dort den Weg in Thorsten Ungers Büro. Der Kopf stellt jedoch eine Ausnahme dar: „Wir haben hier vor allem Flachware.“ Sprich: Schriftstücke, Dokumente, Urkunden und Fotos. In Archiven älterer Universitäten, da gebe es womöglich Talare oder Siegel, aber die Universität Osnabrück ist nun mal eine recht junge Reformuniversität – wobei sie sich gerne einen etwas älteren Anstrich gab. Grinsend zeigt Thorsten Unger das „Veranstaltungsverzeichnis Sommer 1976“. Das Wappen der einstigen Osnabrücker Jesuitenuniversität ziert das graue Büchlein.
Das historische Bildungszentrum, das eng mit dem Osnabrücker Gymnasium Carolinum verbunden war, wurde in den Anfangszeiten gerne herangezogen, um die eigene Bedeutung und – insbesondere im Konkurrenzkampf mit der parallel entstehenden Universität Oldenburg – Existenzberechtigung zu untermauern. „Wir waren ja schon mal Universitätsstadt“, so das Argument. „Dieses Foto hier finde ich ebenfalls großartig“, sagt Unger und legt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme einer der ersten Lehrveranstaltungen vor. Langhaarig und in Schlaghosen lungerten die ersten Studierenden in der feierlichen Schlossaula. Auch hier: Geschichte trifft auf Moderne.
Proteste gegen den Abriss des Studierendenwohnheims
Und dann die alten Briefe: „Mit Erschrecken habe ich erfahren“, beginnt einer. Erschrecken darüber, dass das beliebte Studierendenwohnheim an der Ritterstraße abgerissen werden sollte – um Platz zu schaffen für die heutige Mensa. Gleichzeitig wurde auf dem Gelände der ehemaligen Gasmesser-Firma Kromschröder die „Alte Fabrik“ - die Wohnanlage am Jahnplatz – gebaut. Aus heutiger Sicht zwei gute Entscheidungen. Und doch gab es damals Proteste und sogar eine Besetzung des Wohnheims an der Ritterstraße.
Neben solchen fundamentalen Weichenstellungen findet sich im Archiv viel über die Menschen, die die Uni prägten: ehemalige Dekane oder Präsidenten und natürlich die Nachlässe bedeutender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Wobei Thorsten Unger lieber mit Vorlässen als mit Nachlässen zu tun hat, sprich: Das archivwürdige Material wird noch zu Lebzeiten gesichtet.
Von Vorlässen und Nachlässen
Bei der Sichtung von Vorlässen gebe es unterschiedliche Typen, meint Thorsten Unger. Nämlich solche, die sagen: „Sie können alles haben, machen Sie damit, was Sie wollen“. Andere, die bereits selbst eine strikte Vorauswahl getroffen hätten. Und schließlich diejenigen, die im Grunde alles als für die Nachwelt relevant betrachten. „Da ist dann schon ein gewisses Maß an Sensibilität und diplomatisches Geschick nötig“, sagt Thorsten Unger. Und um mit einem weiteren Archivar-Klischee aufzuräumen: Nein, auch privat neige er nicht zum Aufbewahrungswahn: „Wegwerfen ist ein wichtiger Aspekt meines Berufes.“
Das meiste archivwürdige Schriftgut entsteht aber in den Einrichtungen, Fachbereichen, Instituten und Gremien. Regelmäßig muss dort ausgemistet werden. Denn in den Altregistraturen soll vieles nur für den Zeitraum einer bestimmten Frist – oft sind es 15 Jahre – aus rechtlichen Gründen aufbewahrt werden. Alte Studienordnungen oder Gremienprotokolle beispielsweise.
Viele Anfragen erreichen das Archiv dann auch von ehemaligen Studierenden: Verloren gegangene Zeugnisse und Immatrikulationsnachweise können einen auch zu einem Zeitpunkt einholen, an dem man sich gedanklich längst von seiner Studienzeit verabschiedet hat.
Und obwohl man meinen könnte, dass ein Archivar sich viel mit der Vergangenheit beschäftigt, denkt Thorsten Unger stets an die Zukunft: „Ich muss hier alles so anlegen, dass sich meine Nachfolger zurechtfinden.“ Und er muss bereits jetzt eine Vorstellung davon haben, was einmal von Interesse sein könnte: „Aktuelles Marketingmaterial, Flyer und Prospekte – die mögen jetzt unspektakulär wirken. Aber in hundert Jahren?“