Thema des Monats April 2026: Auf der Suche nach dem Ursprung Roms – Zwischen Heldensagen und Realität

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Vor genau 2.778 Jahren soll die Geburtsstunde der Stadt Rom gewesen sein, die vom kleinen Stadtstaat zu einer Weltmacht aufsteigen und ca. 1.000 Jahre die Geschichte des Mittelmeerraumes dominieren sollte. Kein Wunder also, dass sich um den Ursprung der Hauptstadt legendenhafte Mythen bildeten, wie zum Beispiel der Erzählung zu Romulus und Remus, nach der die Stadt ihren Namen Roma erhalten haben soll.

Jedoch muss der Blick auf den trojanischen Krieg und damit auch die Person Aeaneas gerichtet werden. Seine Geschichte erzählt die Reise eines Kriegsflüchtlings auf der Suche nach einem neuen zu Hause. In Folge des trojanischen Krieges flieht Aeneas, der Protagonist des gleichnamigen Epos von Vergil, welches die Ilias und Odyssee Homers als Vorbild hat, mit seinem Vater auf dem Rücken und weiteren trojanischen Gefährten aus der zerstörten Stadt. Nach einer stürmischen Reise, die von Gefahren und Herausforderungen gekennzeichnet ist, erreicht der Held das Festland Westitaliens und trifft dort auf Latinus, den König der Latiner. Jener verspricht Aeneas seine Tochter Lavinia zur Frau, doch findet der Protagonist keine Ruhe, da er in den nächsten Krieg gerät. Turnus, König der Rutuler will selbst Lavinia ehelichen und erklärt Latinus und Aeneas den Krieg, woraufhin letzterer nach etlichen blutigen Auseinandersetzungen den Kriegstreiber besiegt. Turnus bittet um Gnade, doch Aeneas gewährt ihm jene nicht, sondern erschlägt den Gegner wutentbrannt nieder. Anschließend gründet er der Sage nach die Stadt Lavinium.

Vier Generationen später kommen Romulus und Remus, Zwillingsbrüder und Nachfahren von Aeneas, auf die Welt. Sie sind der Erzählung nach Söhne der Priesterin Rhea Silvia und des Gottes Mars. Im Säuglingsalter werden sie unter der Herrschaft des Tyrannen Amulius’, der ihren Großvater Numitor um den Thron gebracht hat, in der Wildnis ausgesetzt und dort von einer Wölfin gesäugt. Im Erwachsenenalter beseitigen sie dann gemeinsam mit ihrem Großvater den Amulius und gewinnen die Herrschaft zurück.

Damit ist die Gewalt noch nicht vorüber. Denn die darauffolgende Stadtgründung ist alles andere als friedlich. Es wird überliefert, dass die beiden Brüder bei der Frage nach dem Gründungsort in einen Streit geraten, sodass sie versuchen, den Konflikt durch ein Vogelorakel beizulegen. Romulus zählt zwölf, sein Bruder nur sechs Vögel, aber als erster. Romulus hält sich für berechtigt die Stadt zu gründen und eine Stadtmauer zu errichten. Remus fühlt sich betrogen und belächelt daher das Bauwerk seines Bruder. Voller Hohn und Spott überspringt er das Bauwerk und wird vom Bruder Romulus mit den Worten getötet: „So möge es jedem ergehen, der über meine Mauern springt!“

Bereits in der Antike herrschten – wie die Überlieferungen Plutarchs und Livius zeigen - unterschiedliche Versionen bezüglich der Zwillingsbrüder Romulus und Remus. In manchen ist Romulus derjenige, der Remus tötet, in anderen sind es hingegen seine Anhänger. Die unterschiedlichen Versionen zeigen, wie facettenreich und undurchsichtig die Gründung der Stadt Rom ist. Auch das Gründungsdatum, welches auf das Jahr 753 v. Chr. datiert wird, wurde von dem Astrologen Lucius Tarritius angefochten.

Archäologische Ausgrabungen haben hingegen Spuren von Siedlungen in Form von Gräbern auf dem Palatin freigelegt, die ca. 1.000 Jahre v. Chr. angelegt wurden. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Umgebung Roms – ähnlich wie andere Städte – aufgrund der geographischen Gegebenheiten, wie der erhöhten, strategischen Lage, dem Zugang zu Wasser und der Möglichkeit des Handels, attraktiv für Siedler war und jene kulturell homogenen Siedlungen mit der Zeit zu einer Stadt verschmolzen.

Diese Tatsache mag einige enttäuschen, erscheinen die überlieferten Erzählungen bezüglich des Ursprungs Roms im Angesicht der neuen Forschung wie bloße Märchengeschichten. Doch ist genau das Gegenteil der Fall. Den gewaltsamen Geschichten um Roms Gründung sind sinn- und identitätsstiftende Elemente inhärent. Sie sind Ausdruck der römischen Identität bzw. ihrer Konstruktion eben jenem römischen Verständnis. So sind Aeneas und Romulus Personifizierungen der Tugenden, die ein römischer Bürger der Gesellschaft und dem Reich entgegenzubringen hatte. Sie dienen als Idealbilder, welche die römische Größe und Identität vermitteln, denen es als römischer Bürger zu folgen galt.

Das ist die gängige Deutung des Gründungsmythos’, die jedoch von Florence Dupont mit ihrem Konzept der origo herausgefordert wird. Schließlich „führt es zu nichts, einer Erzählung der Ursprünge Roms nachzuforschen, über die sich die Römer selbst (noch) nicht im Klaren waren.“

 

Julian H. Tischer

 

Quellen

Plutarchus, Grosse Griechen und Römer. Band 1, lateinsich-deutsch übers. und anmerk. von Konra Ziegler und Walter Wuhrmann, Einführung von Konrat Ziegler und Hand Jürgen Hillen, Mannheim 2010 (Bibliothek der Alten Welt).

Publius Vergilius Maro, Aeneis, Lateinisch-deutsch, herausg. und übers. von Niklas Holzberg, Berlin/Boston (USA) 2015.

 

Literatur

Alföldi, A., Das frühe Rom und die Latiner, Darmstadt 1977.

Dupont, F., Rom – Stadt ohne Ursprung. Gründungsmythos und römische Identität, Darmstadt 2013.

Kolb, F., Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike, München 22002.

Kolb, F., Das antike Rom. Geschichte und Archäologie, München22009.

Rubel, A., Migration. Von der Odyssee bis Mohammend (1200 v. Chr bis 700 n. Chr.), Freiburg im Breisgau 2024.

 

Bildnachweis

Kapitolinische Wölfin (Lupa Capitolina): Wölfin mit Romulus und Remus, Bronze, 12. Jahrhundert n. Chr. (laut C14-Datierung; nach traditioneller Sicht etruskisch aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.), Zwillinge hinzugefügt im 15. Jahrhundert, fotografiert von Wilfredo Rodriguez ( https://de.wikipedia.org/wiki/Romulus_und_Remus#/media/Datei:Lupa_Capitolina,_Rome.jpg