Neben dem in dieser Reihe bereits vorgestelltem Fest der Matralia gab es im Juni noch ein weiteres sehr prominentes Fest im römischen Feiertagskalender. Vom 7. bis zum 15. Juni feierten die Römer und Römerinnen über mehrere Tage hinweg die Vestalia, ein Fest zu Ehren der Göttin Vesta. Vesta, eine der ältesten römischen Göttinnen, war zuständig für den Schutz der heiligen Flamme, der flammae custos, und hatte damit eine hohe Bedeutung im öffentlichen Staatskult: Solange diese heilige Flamme brennt, so der Glaube, solange werde auch Rom bestehen und gedeihen. Die Göttin Vesta und ihre Priesterinnen (die sechs jungfräulichen Vestalinnen) waren damit die symbolischen Garantinnen für den Fortbestand Roms.
Diese wichtige Rolle innerhalb des Staatskultes als öffentlichen Göttin par excellence entwickelt sich wahrscheinlich aus Vestas ursprünglicher Funktion, den Schutz des häuslichen Herdfeuers zu garantieren.
Obwohl das eigentliche Fest auf den 9. Juni fällt, wurden bereits am 7. Juni der am Forum Romanum gelegenen Vesta-Tempels (aedes vestae) geöffnet und blieb bis zum 15. Juni offen. In diesem Zeitraum war es möglich, dass sonst für sämtliche Personen außer den Vestalinnen beschränkte und mit einem Vorhang abgeschirmte penus Vestae (= das Tempelheiligtum) zu betreten. Diese Ausnahme galt jedoch ausschließlich für römische Matronen, wobei sie barfuß zu sein hatten mit zerzaustem Haar. So pilgerten viele Frauen in diesem Zeitraum zum Vesta-Tempel, um innerhalb des penus der Göttin mit kleinen Speiseopfern zu huldigen und sowohl Segen als auch Schutz für sich und ihre Familien zu erbitten.
Am 9. Juni, dem Haupttag der Feierlichkeiten, wurde Vesta wegen ihrer Funktion als Göttin des Herdfeuers, auch von den Müllern bzw. Bäckern verehret. Schließlich war das Herdfeuer ein zentraler Bestandteil des Brotbackens. An diesem Tag wurde nicht gearbeitet und die sonst in den Getreidemühlen eingesetzten Esel wurden geschmückt mit Brot(krümel)-Kränzen durch die Stadt geführt. Im Tempel selbst wurde von den Vestalinnen spezielles, bereits Anfang Mai zubereitetes Weizen (spelt) zur sogenannten mola salsa (eine Mischung aus dem Speltschrot und einer Salzlacke) weiterverarbeitet und feierlich davon gespeist. Das mola salsa war ein wichtiger Bestandteil bei öffentlichen Opferungen, wurde doch das jeweilige Opfertier vor der Opferung rituell mit der mola salsa bestreut und so auf das Opfer vorbereitet. Nach der Zubereitung und dem Verzehr der mola salsa wurde der gesamte Vesta-Tempel am letzten Tag der Vestalia (15. Juni) gründlich gereinigt und der anfallende Abfall (stercus) anschließend in den Tiber entsorgt. Mit der darauffolgenden Schließung des penus Vestae waren die Vestalia dann beendet.
Patrick Kösters
Literatur:
Cancik-Lindemaier, Hildegard: Vestalin, in: DNP 12/2 (2002), Sp. 130 – 131.
Frateantonio, Christa: Mola salsa, in: DNP 8 (2000), Sp. 345.
Hooker, Edna M.: The Significance of Numa's Religious Reforms, in: Numen 10/2 (1963), S. 87 – 132.
Philipps, C. Robert: Vesta, in: DNP 12/2 (2002), Sp. 131 – 132.
Simon, Erika: Die Götter der Römer, München 1982, S. 229 – 240.
Bildnachweis:
Seite einer Marmorbasis mit der Abbildung der sitzenden Göttin Vesta und einem Esel, Mitte 1. Jahrhundert n. Chr, Neapel, Mus.Naz. Inv. 147827, Foto entnommen aus: Simon, Erika: Die Götter der Römer, München 1982, S. 236.