Oscia Modesta war, wie wir aus verschiedenen Inschriften rekonstruieren können, eine Dame mit einer illustren Ahnenreihe, Gattin eines Konsuls und offensichtlich sehr wohlhabend. Sie stammte aus einer kleinen Stadt in der römischen Provinz Africa proconsularis im heutigen Tunesien. Begraben wurde sie jedoch in Rom im frühen 3. Jh., also in der Zeit als die afrikanisch-syrische Kaiserfamilie der Severer die Geschicke des Imperiums bestimmte. Zweifellos genoss Oscia Modesta, mit vollem Namen Oscia Modesta Ulpia (?) Cornelia Patruina Publiana großes Ansehen, verkehrte sehr wahrscheinlich bei Hof und war mit den Kaiserinnen Iulia Domna und Iulia Mammaea bekannt, vielleicht sogar befreundet. Der Kaiser Septimius Severus erhob ihren Mann C. Arrius Calpurnius Frontinus Honoratus, der aus einer senatorischen Familie aus Cirta in Numidien (Constantine/Algerien) stammte, unter die Patrizier, also die vornehmsten Familien des Reiches. Das Paar nahm an den kaiserlichen Saecularspielen 204 n.Chr. in Rom teil. Das war möglicherweise der Moment, wo die noch junge Familie dauerhaft nach Rom übersiedelte. Oscia Modesta und ihr Mann hatten wenigstens zwei Kinder. Der gemeinsame Sohn C. Arrius Calpurnius Longinus wurde wie sein Vater Suffekt-Konsul. Der Vater wahrscheinlich in der Zeit des Severus Alexander, der Sohn in der Zeit eines weiteren afrikanischen Kaisers, des Gordian.
Oscia Modestas Heimatstadt Avioccala (Henchir-Sidi-Amara) im heutigen Tunesien ehrte sie mit einer Statue, von der nur die Inschrift erhalten ist. In der Provinz war man nicht nur stolz auf diese Frau, sondern profitierte von den umfänglichen Stiftungen, die sie dort machte. Frauen wie Oscia Modesta, die zu ihren Lebzeiten großen Einfluss gehabt haben müssen, stehen heute ganz im Schatten der Kaiserinnen, die den öffentlichen Raum medial dominierten. Die antiken Autoren verlieren kein Wort über sie und so hat die Forschung sie anders als ihre Männer lange übersehen. Was wir wissen entnehmen wir alles inschriftlichem Material. So ist auch anzunehmen, dass Oscia Modesta sehr gebildet war: ihr Enkel, wahrscheinlich Sohn einer Tochter, M(arcus) Fl(auius) Arrius Osciu[s] Honoratus, der aber einen Teil seines Namens der Großmutter verdankte, nannte sie in einer Inschrift „allerliebste Großmutter und süßeste Erzieherin“. Damit ist nicht gemeint, dass sie ihn aufzog, also Windeln wechselte, fütterte oder Ähnliches, sondern dass er von ihrem formidablen Wissen profitierte, vielleicht ihren akademischen Salon besuchte. In ihrer Grabinschrift spricht sie selbst zu uns in einem archaischen Griechisch auf einem prächtigen Marmoraltar, den sie offenbar selbst in Rom in Auftrag gab.
„Hier liege ich, die Gattin eines Konsuls, des edlen Helden, meines Freundes Arrius, mit dem allein ich verheiratet war. Von den Vorfahren erhielt ich einst den Namen Publiana – sie (waren) Scipionen, die sich durch ihre vornehme Herkunft auszeichneten – ich selbst blieb Witwe für den Rest meines Lebens, aufgezehrt vom Kummer über den frühzeitigen Tod meiner Kinder. In meinem Leben ertrug ich viel Leid. Mein Geist fand Freude allein an den Musen“ (IG XIV 1960).
Hier zeichnet Oscia Modesta ein Bild von sich, das ihre edle republikanische Abstammung hervorhebt, ihre vorbildliche Haltung als Mutter und Ehefrau betont, die um Mann und Kinder trauert und der nur ihre Bildung Momente des Trostes verschafft. Über ihre gelebte Identität lässt sich dagegen nur wenig sagen. Bemerkenswert aber ihre hohe Mobilität und damit sicher verbundene Weltläufigkeit. Auf letztere deutet nicht zuletzt die über große Entfernungen reichende Heiratspolitik ihrer Klasse. Ihre und die Heimatstadt ihres Mannes lagen etwa 300 km auseinander auf dem afrikanischen Kontinent. Die Großmutter ihres Mannes stammte jedoch beispielsweise aus Kleinasien, aus dem 4000 km entfernten Antiochia in Pisidien, nahe Yalvaç/Türkei, wo auch Osca Modestias Mann als Patron mit mehreren Ehrensitzen im Theater geehrt wurde. Anzunehmen ist, dass sie ihn auf Reisen hierhin ebenso begleitete, wie an die Stationen seiner Karriere und wohl in Rom einen Gutteil ihres Lebens verbrachte. Reisen nach Africa in ihre Heimat, wo sie nicht nur in Avioccala, sondern auch im 290 km entfernten Thurbo Maius (Henchir-Khasbat) Land besaß, sind ebenfalls anzunehmen.
Calpurnius Longinus, ihr Ehemann starb, als der gemeinsame Sohn noch ein Knabe (puer) war, er selbst schon Konsul gewesen war. Das lässt eine in aristokratischen Kreisen nicht unübliche große Altersdifferenz zwischen den Eheleuten vermuten, so dass sie in der Tat lange Witwe gewesen sein muss und möglicherweise an der Karriere ihres Sohnes regen Anteil nahm. Daneben wird sie sich wie die Kaiserin Iulia Domna mit Philosophen umgeben haben, vielleicht mit diesen auch disputiert haben. In jedem Fall war sie eine Frau, die in ihrer Zeit erhebliche Bedeutung hatte. Mit Sicherheit war sie mindestens zweisprachig. Dass man sich ihrer als gebildete Frau erinnerte war ihr besonders wichtig, sonst hätte sie nicht Griechisch für ihr Grab gewählt. Die Verkehrssprache ihrer Heimat war wie die Roms Latein. Während im Osten Griechisch gesprochen wurde.
Christiane Kunst
Lit.: Baroni, A.-F., Les Arrii Antonini de Cirta. L’ascension d’une famille africaine dans l’élite sénatoriale, Cahiers du Centre Gustave Glotz 27, 2016, 299-323; Chausson 2000: F. Chausson, Une descendante des Scipions en Afrique au III e siècle après J.-C., Bulletin de la Société nationale des Antiquaires de France 2000, 165-176; Hemelrijk, E., City patronesses in the Roman Empire, Historia 53, 2004, 209-245; Raepsaet-Charlier, M.-T., Prosopographie des femmes de l’ordre sénatorial, Ier-IIe siècles, Leuven, 1987, 482, Nr. 587 und Stemma XXXIII.
Abb. Aus: Moretti, L. (Hg.) Inscriptiones Graecae Urbis Romae III, Rom 1979, S. 169.