Tiberius, Roms zweiter Kaiser, herrschte bereits seit über zehn Jahren. Es gab keine bedeutenden Kriege, die Grenzen waren gesichert. Die Senatoren wagten es aufgrund der entfachten Maiestas-Prozesse (Hochverratsprozesse) nicht, öffentlich gegen den Prinzipat aufzubegehren. Die Versorgung der Stadt war gewährleistet, einzig ein potenzieller Nachfolger fehlte. Das Reich und die Herrschaft schienen stabil zu sein, und dennoch erfolgte die größte Zäsur in der Regierungszeit des Tiberius: Er verließ Rom – für immer.
Im Winter 25/26 n. Chr. brach er mit einem kleinen Gefolge, darunter sein enger Begleiter Seian, zu einer Reise auf, von der er nie wieder in die Hauptstadt zurückkehren sollte. Er reiste in die Region am Golf von Neapel – eine Gegend, die es schon seinem Vorgänger Kaiser Augustus angetan hatte. Spätestens im Frühjahr 27 n. Chr. erreichte Tiberius sein Ziel: die Insel Capri. Augustus war von diesem Ort so fasziniert gewesen, dass er ihn einst gegen die fruchtbare Insel Ischia eingetauscht und Capri so gewissermaßen zur Sommerresidenz der Domus Augusta gemacht hatte.
Doch Capri war kein hermetisches Gefängnis. Tiberius unterhielt weiterhin prächtige Villen auf dem Festland, z. B. in Sperlonga, und reiste entlang der Küste des Golfs von Neapel. Geografisch war er der Hauptstadt oft nah, doch mental blieb die Distanz unüberbrückbar. Es heißt, er habe insgesamt dreimal beabsichtigt, nach Rom zurückzukehren. Einmal soll er sich der Stadt sogar bis auf wenige Meilen genähert haben, nur um im letzten Moment – angeblich erschreckt durch schlechte Omen oder schlichtweg von seiner tiefen Abneigung gegen die Öffentlichkeit überwältigt – wieder umzukehren.
Mit ihren schroffen Klippen und den wenigen, beschwerlichen Zugängen ähnelte die Insel dem verschlossenen Wesen des Tiberius. Dass Besucher und Briefe erst über das Meer anreisen mussten – sofern sie überhaupt durchgelassen wurden –, erschien passend für jemanden, der vermeintlich Ruhe suchte: Ruhe vor dem Trubel der Stadt und vor der Last seiner Rolle als herrschender Primus inter pares.
Schon einmal war er geflohen, lange vor seiner Zeit als Kaiser: 6 v. Chr. ging er nach Rhodos und entzog sich so der giftigen Familienpolitik des Augustus sowie der zerrütteten Ehe mit dessen Tochter Julia. Erst als die favorisierten Nachfolger des ersten Kaisers verstorben waren, wurde ihm im Jahr 2 n. Chr. die Rückkehr gestattet, woraufhin er selbst zum designierten Nachfolger aufstieg. Tiberius hatte es nicht leicht, denn er erbte ein maßgeschneidertes System, in das er nie wirklich zu passen vermochte. Als zweiter Kaiser Roms trat er in die gigantischen Fußstapfen von Augustus. Während dieser das Talent besaß, eine faktische Militärdiktatur als „wiederhergestellte Republik“ zu verkaufen, war Tiberius ein hölzerner Aristokrat. Er hasste die Schmeicheleien des Senats und das Rampenlicht.
Warum aber verließ Tiberius im Jahr 26 n. Chr. Rom ein weiteres und letztes Mal? War es die Trauer um seinen Sohn, die Angst vor Attentaten oder schlicht die Verachtung für den politischen Betrieb? Konkrete Gründe sind nicht weiter überprüfbar, weshalb man nur über seine Beweggründe spekulieren kann. So wie Augustus und sein System einen Schatten auf Tiberius’ Herrschaft warfen, so wirft die Capri-Episode in der Retrospektive einen ebenso großen Schatten auf sein Vermächtnis. Es war damals undenkbar, dass der Kaiser Rom von einem fernen Ort aus regierte, sich dem Volk nicht präsentierte und auf Spiele sowie die eigene Inszenierung verzichtete.
Der Kaiser, der sich nicht blicken lässt, wurde in der Fantasie des Volkes schnell zum Monster. Kein Wunder also, dass der antike Biograph Sueton den Alltag in der Villa Iovis auf Capri in ein antikes „Epstein Island“ verwandelte: Er berichtet von perversen Lustspielen und grausamen Exzessen aller Art. Da jedoch weitere Beweise für den Umfang dieser Exzesse fehlen, könnte dies ebenso eine Schmutzkampagne des frustrierten Senats gewesen sein.
Weniger die eventuellen sexuellen Ausschweifungen als vielmehr das Fortbleiben selbst stellten die eigentliche Zäsur dar und hatten massive Folgen für das junge Prinzipat. Unmittelbar entstand ein Machtvakuum in Rom. Das Oberhaupt eines Staates, der komplett auf seine Person zugeschnitten war, war für Bittsteller und Senatoren nicht mehr greifbar. Der zweite Mann im Staat trat an dessen Stelle: der Prätorianerpräfekt Lucius Aelius Seianus (kurz: Seian). Er kontrollierte buchstäblich den Zugang zum Kaiser in dessen goldenem Käfig auf Capri. Er entschied, welche Post Tiberius erhielt und wer zur Insel übersetzen durfte. Seians Macht wuchs, und er nutzte die Distanz des Kaisers, um eine eigene Schreckensherrschaft zu etablieren. Erst als 31 n. Chr. ans Licht kam, dass er vermutlich am Tod von Tiberius’ Sohn Drusus beteiligt war, ließ der Kaiser ihn hinrichten. Dennoch kehrte Tiberius nicht nach Rom zurück; er herrschte weiterhin durch seine Korrespondenz.
Obwohl der Senat während der Abwesenheit des Kaisers so viel Freiraum zurückerhielt wie seit der Zeit vor dem Aufstieg des Augustus nicht mehr, erfolgte kein politischer Umschwung. Tiberius blieb Kaiser – elf Jahre lang sollte er nach seinem Weggang aus Rom noch herrschen. Hier liegt das Paradoxon: Gerade weil Tiberius weg war, musste die Verwaltung lernen, ohne die tägliche Interaktion mit dem Herrscher zu funktionieren. Aus dem persönlichen Regiment des Augustus wurde ein Amt. Tiberius zementierte so ungewollt die Stabilität des Prinzipats für die nächsten Jahrhunderte.
2000 Jahre später lehrt uns Tiberius’ Weggang, dass Macht ohne Präsenz gefährlich ist – aber auch, dass ein System erst dann wirklich stabil ist, wenn es den Tod seines Schöpfers und die jahrelange Abwesenheit seines Nachfolgers überlebt. Augustus schuf das Prinzipat als Maßarbeit, doch erst unter dem abwesenden Tiberius wurde daraus ein dauerhafter Staatsapparat. Er hinterließ ein funktionierendes Reich, auch wenn sein Ruf bis heute unter den Ruinen auf Capri begraben liegt und für ihn persönlich die rote Sonne im Meer versank.
Friedrich W. Brüggemann
Bildnachweis
Büste des Augustus: https://de.wikipedia.org/wiki/Augustus#/media/Datei:Glyptothek_M%C3%BCnchen_%E2%80%93_18.04.2022_%E2%80%93_Augustus_Bevilacqua_(4).jpg
Büste des Tiberius: https://de.wikipedia.org/wiki/Tiberius#/media/Datei:Tiberius_NyCarlsberg01.jpg