Laufende Projekte

Mobilität und Reisen

© Karlsruhe, BLB, Cod. St. Peter pap. 3, fol. 5v-6rr
Eine venezianische Galeere, abgebildet im Reisebericht des Konrad Grünemberg (1487)

Dissertationsprojekt von  Linn Eckhof

Die Pilgerfahrten nach Jerusalem erreichten ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Rund 240 erhaltene Berichte liefern uns wertvolle Einblicke in die lange Reise, die die Pilger in der Regel über Venedig auf dem Seeweg nach Jerusalem führte. Im Fokus der Dissertation steht die Untersuchung von Zeit und Zeitlichkeit in ausgewählten spätmittelalterlichen Pilgerberichten. Ausgehend von der Annahme, dass Zeit keine neutrale Größe, sondern eine sozial, historisch und kulturell konstruierte Kategorie ist, untersucht die Arbeit, wie Zeit und Zeitlichkeit in spätmittelalterlichen Pilgerberichten nach Jerusalem hergestellt, erfahren und narrativ organisiert wird. Wie lange dauert eine Pilgerreise? Welche zeitlichen Strukturen rahmen die Pilgerreise und was beeinflusst sie? Auch Zeitlichkeit als Erfahrung der Pilger – zwischen Zeitstress und Langeweile – stellt einen Teil der Untersuchung dar, ebenso wie zeitliche Strukturen auf Textebene. Die Untersuchung der Konstruktion von Zeit und Zeitlichkeit im spätmittelalterlichen Mobilitätskontext versteht sich als Beitrag zur Erforschung vormoderner Zeitregime und zur Verschränkung von Erfahrungszeit, Erzählzeit und historischem Zeitwissen.

Eine Anzeigetafel der Deutschen Bahn, die verspätete Züge anzeigt.
© Christoph Mauntel
Alltagsprobleme der Mobilität

Forschungsprojekt von   Christoph Mauntel

Mobilität und Reisen bedingen Bewegung, ja sind geradezu durch eine Bewegung im Raum auf ein spezifisches Ziel hin definiert. Gleichzeitig stößt jede Mobilität unweigerlich auf Hindernisse und Probleme, die durch vielerlei Gründe bedingt sein können – in vormoderner wie in moderner Zeit: Wartezeiten, Verzögerungen und Umweges waren elementarer Bestandteil des Reisens.

Das Projekt zielt darauf, Verzögerungen und Wartezeiten für eine Analyse vormoderner Mobilität fruchtbar zu machen.  Inhaltlich geht es dabei nicht vorrangig um eine Zusammenstellung derjenigen Phänomene, die Verzögerungen für die Reisenden bedingten, sondern einerseits um die Mechanismen der narrativen Darstellung und (auch emotionalen) Verarbeitung seitens der Akteurinnen und Akteure, sowie andererseits um eine Reflexionsmöglichkeit über Bedingtheiten vormodernen Wartens.

Kartographie und geographische Vorstellungen

© BnF Paris
Der Katalanische Weltatlas von 1375 (Ausschnitt)

Editionsprojekt von  Christoph Mauntel

Der sog. Katalanische Weltatlas ist von kosmographischen und astronomischen Texten gerahmte Oikumenekarte aus dem Jahr 1375. Geschaffen wurde er vom jüdischen Kartographen Cresques Abraham auf Mallorca, vermutlich im Auftrag von Peter IV. von Aragón, der den Atlas Karl V. von Frankreich schenkte – ein wahrhaft königliches Geschenk. Verwahrt wird der Atlas bis heute in Paris (  BnF, Ms esp. 30). Zum 600. Geburtstags des Atlasses im Jahr 1975 erschienen gleich mehrere Ausgaben: Eine spanische Edition, eine deutsche Übersetzung von Hans-Christian Freiesleben sowie die bisher maßgebliche Edition von Georges Grosjean, die jedoch auf 790 Exemplare limitiert war. In den Jahren seither hat sich die Forschung intensiv mit dem Atlas beschäftigt, aber die alten Ausgaben sind auf dem Markt kaum mehr greifbar. Eine Neuausgabe erfolgte 2008, allerdings ebenfalls in limitierter Auflage und auf Katalanisch.Die ikonographische Präsenz des Atlasses (etwa auf Buchcovern) steht im Gegensatz zur schlechten Zugänglichkeit seiner Inhalte. Grund genug, für eine nunmehr neue, breit zugängliche Edition der Inschriften samt englischsprachiger Übersetzung.

© Geschichte des Mittelalters, UOS
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kartenkolloquiums im Mai 2024 in Osnabrück

Die regelmäßig stattfindende Veranstaltung bietet Wissenschaftler:innen insbesondere in der Qualifizierungsphase ein Forum, um Projekte zur kulturgeschichtlichen Kartographie vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte vorzustellen und methodische Konzepte laufender Arbeiten zu diskutieren.

Das Kolloquium wurde 2011 von Ingrid Baumgärtner, Martina Stercken und Ute Schneider ins Leben gerufen. Seit 2023 gehört Christoph Mauntel zum Organisationsteam.

 

Veranstaltungen der vergangenen Jahre

14. Kartengeschichtliches Kolloquium, 29.-30. Juni 2026 in Darmstadt

 Programm ||  Tagungsbericht von Moritz Lange

 

13. Kartengeschichtliches Kolloquium, 09.-10. Mai 2025 in Gotha

  Programm ||   Tagungsbericht von Franziska Haarhaus

 

12. Kartengeschichtliches Kolloquium, 11.-12. Mai 2024 in Osnabrück

  Programm ||   Tagungsbericht von Rike Szill

 

11. Kartengeschichtliches Kolloquium, 05.-06. Mai 2023 in Essen

  Programm ||   Tagungsbericht von Veronique Ritter

 

10. Kartengeschichtliches Kolloquium, 10.-11. Mai 2022 in Kassel

  Programm ||   Tagungsbericht von Veronique Ritter

 

9. Kartengeschichtliches Kolloquium, 11.-12. Mai 2021 (digital)

 Programm ||   Tagungsbericht von Jolanda Brennwald und Lisa Weigelt

 

8. Kartengeschichtliches Kolloquium, 24.-25. Mai 2019 in Essen

  Programm ||    Tagungsbericht von Bettina Schöller

 

7. Kartengeschichtliches Kolloquium, 11.-12. Mai 2018 in Kassel

  Programm ||    Tagungsbericht von Beatrice Blümer (PDF, 62 kB)

 

6. Kartengeschichtliches Kolloquium, 16.-17. Juni 2017 in Zürich

  Programm ||    Tagungsbericht von Anna Hollenbach

 

5. Kartengeschichtliches Kolloquium, 10.-11. Juni 2016 in Essen

   Programm ||   Tagungsbericht von Lena Thiel

 

4. Kartengeschichtliches Kolloquium, 4.-5. Juli 2014 in Paris

   Tagungsbericht von Bettina Schöller

 

3. Kartengeschichtliches Kolloquium, 16.-17. November 2012 in Essen

 Programm (PDF, 2,27 MB)

 

2. Kartengeschichtliches Kolloquium, Dezember 2011 in Kassel

 

1. Kartengeschichtliches Kolloquium, April 2011 in Zürich

Geschichte Frankreichs und Englands

© Paris, BnF, Ms fr. 8266, fol. 363r
Krönung Franz I. zum Herzog der Bretagne (1442) - dargestellt in der Chronik des Pierre le Baud.

Dissertationsprojekt von  Lara Jäger

Ausgangspunkt des Dissertationsprojektes sind spätmittelalterliche Chroniken, in welchen die Chronisten die Herzöge und ihre Rechte mit Begriffen wie souverain seigneur oder souveraineté beschreiben. Zwischen 1364 und 1514, zur Zeit der Herzöge aus dem Haus Montfort, entstehen zahlreiche Werke am bretonischen Hof, in welchen die Geschichte der Bretagne in den Vordergrund gestellt und die 'Souveränität' der Bretagne thematisiert wird. Dies gibt dem Dissertationsprojekt den Anlass, Vorstellungen von bretonischer Abgrenzung und 'Eigenständigkeit', insbesondere die Handlungen der bretonischen Herzöge sowie die Reaktionen der französischen Könige, zu untersuchen. Fraglich ist, ob jenseits historiographischer Behauptungen eine Strategie der Abgrenzung auch von Seiten der Herzöge selbst fassbar ist, beispielsweise in den von ihnen ausgestellten Urkunden und Briefen. Darüber hinaus ist zu schauen, wie die hofnahe, französische Chronistik das Verhältnis von Königtum und Herzogtum beschreibt und inwiefern eine 'Eigenständigkeit' in den Quellen zu erkennen ist.
Wie kann dieser Begriff für eine mediävistische Arbeit definiert werden und welche Kriterien sind hierzu notwendig? Wie wird das Handeln der Herzöge, wie wird das Verhältnis zu den französischen Königen beschrieben und welche Unterschiede lassen sich zwischen den zahlreichen Quellen festhalten? Wie werden die konkreten Begegnungen zwischen den Herzögen und den Königen geschildert? Diese Fragen gilt es aufzugreifen, um das Verhältnis zwischen bretonischen Herzögen und französischen Königen zu hinterfragen. Hierzu sind die Ansätze der politischen Ideengeschichte sowie die Konzepte der ‚Superiorität‘ und ‚Souveränität‘ aufzugreifen, um Kriterien für eine herzogliche 'Eigenständigkeit' aufzustellen und eine Unterscheidung zur ‚Souveränität‘ zu ermöglichen.

Kulturgeschichte der Gewalt ∙ Kulturen des Protests und Aufstände

© Paris, BnF, Ms fr. 2643, fol. 165v
Die Schlacht von Crécy (1346), dargestellt in den Chroniken Jean Froissarts (15. Jhd.)

Publikationsprojekt unter der Leitung von Isabelle Deflers (München) und Martin Clauss (Chemnitz), mitherausgegeben von Horst Carl, Anke Fischer-Kattner, Marian Füssel,  Christoph Mauntel, Stefanie Rüther und Regula Schmid Keeling.

Das geplante Handbuch stellt die erste umfassende deutschsprachige Darstellung der neuesten Forschung zum Krieg in der Vormoderne in Europa dar. Es richtet sich sowohl an Studierende als auch an Forschende. Komplementär zum vorliegenden „ Handbuch Frieden im Europa der Frühen Neuzeit“ betrachtet dieses Projekt den Krieg als gesamtgesellschaftliches und kulturelles Phänomen und erfasst dabei erstmals die Zeitspanne von 1300 bis 1800 in einem Band.

© Landesmedienzentrum BW
Zeitgenössische Darstellung eines Bauernhaufens (Titelblatt der „Bundesordnung“, 1525).

Projekt von   Christoph Mauntel, zusammen mit Gerrit J. Schenk und Thomas Roth (beide Darmstadt)

Die spätmittelalterliche Geschichte West- und Mitteleuropas ist von zahlreichen städtischen und ländlichen Aufständen geprägt. Während im 14. Jahrhundert je Generation (25 Jahre) ein Aufstand im Reich zu zählen sei, so Peter Blickle, ereigneten sich zwischen 1500 und 1525 allein bereits 18 Aufstände, die im sogenannten „Bauernkrieg“ von 1525 kulminierten. Neben vielen kleineren Revolten gelten für Frankreich die Jacquerie von 1358 und für England die Peasants‘ Revolt von 1381 als Marksteine. Vor dem Hintergrund dieser Unruhewellen stellen sich Fragen nach parallelen oder divergierenden Entwicklungen, nach Verlaufstypen hinsichtlich der Einzigartigkeit einzelner Aufstände ebenso wie nach möglicherweise ähnlichen Ursachen, Strukturen und Abläufen. Erst durch einen vergleichenden Blick werden die Charakteristik und Spezifik der Aufstandswelle von 1525 erkennbar, die sich 2025 zum fünfhundertsten Mal jährt.

Stadt- und Regionalgeschichte

Tagungs- und Buchprojekt von Claudia Garnier (Vechta) und  Christoph Mauntel

Um das Jahr 2030 jährt sich zum 1250. Mal der Beginn der Christianisierung Sachsens, die im engen Zusammenhang mit den Sachsenkriegen Karls des Großen ab 772 steht. Während einzelne Städte (wie Paderborn, Osnabrück, Bremen Minden u.a.) ihre 1250. Stadtjubiläen einzeln feiern werden, drängt sich aus wissenschaftlicher Sicht ein vergleichender Blick auf Gründungen und frühe Entwicklungen von Bistümern, Klöstern und Stiften vom 8.-10. Jahrhundert an. 

Gerade weil die Schriftquellen begrenzt sind, ist ein interdisziplinärer Blick umso zentraler, der archäologische, geschichtswissenschaftliche, kunsthistorisch-museale und theologische Perspektiven vereint. Dies soll eine Tagung des  Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen leisten, die am 23.-24. März 2028 in Osnabrück stattfinden wird. Die Tagung soll  nicht nur nach der Bedeutung einzelner Missionare und Strategien der Christianisierung fragen, sondern vor allem nach deren personeller und materieller Verankerung vor Ort.

© Dieter Schinner - DS Foto-Design

Buchprojekt von  Thomas Vogtherr

Die Lebensbeschreibung des Bischofs Benno von Osnabrück (1069-1088) soll sich gleichermaßen an wissenschaftliche Leser wie an ein breites Publikum richten. Ausgehend von der um 1100 im Kloster Iburg entstandenen Vita Bennonis lässt sich Benno als Idealtyp eines salischen Reichsbischofs verstehen, dessen Wirken an der Seite Heinrichs IV. im „Investiturstreit“ ebenso wie seine Tätigkeit als Urkundenfälscher im Interesse seines Bistums ihn weithin bekannt machten.

Buchprojekt von  Thomas Vogtherr

In den Anfängen steckt ein Buch über den Gedanken an „Niedersachsen“: Der lange Weg von einem unscharfen geographischen Begriff über die Ideen der Heimatbewegung um 1900 bis zur Begründung des Bundeslandes Niedersachsen 1946 kann nicht als eine herkömmliche Landesgeschichte nachgezeichnet werden, sondern besteht eher aus einer Ideengeschichte dieses Teils Norddeutschlands. Die wesentlichen Stichwortgeber sind deswegen zentrale Gegenstände dieser Veröffentlichung, deren Abschluss für 2026 zum 80. „Geburtstag“ des Bundeslandes geplant ist.

© NLA Abt H BIGS 22044

Buchprojekt  von   Thomas Vogtherr

Eine Biographie des Landeshistorikers Georg Schnath (1898-1989) steht vor dem Abschluss. Der umfangreiche Nachlass gibt einen tiefen Einblick in Leben und Werk eines zutiefst konservativen, während der Zeit des Nationalsozialismus als Parteimitglied aktiven Historikers mit antipreußischen Ressentiments und einer nur zögerlichen Hinwendung zu Demokratie und Republik. Schnath steht beispielhaft für eine Gedankenwelt, die unter Historikern seiner Generation weit verbreitet war.

Sonstige Projekte

Die Ebstorfer Weltkarte (ca. 1300) zeigt doppelte Verluste: Sie ist uns nur als Rekonstruktion zugänglich und einige Teile fehlen.

Forschungs- und Publikationsprojekt von Anja Rathmann-Lutz (Erfurt) und  Christoph Mauntel

Verluste scheinen allgegenwärtig und werden auf zahlreichen Feldern konstatiert: Das Vertrauen in die Demokratie schwindet, ebenso wie die weltweite Biodiversität; kollektiv wie individuell wirksam sind Sorgen um den Verlust des Arbeitsplatzes, die öffentliche Sicherheit und die menschliche Handlungsmacht angesichts des Klimawandels.Verlust ist jedoch mehr als einfach nur das Verschwinden von Phänomenen, Dingen oder Gewissheiten – Verlust ist ein Verschwinden, das bemerkt und (zumeist negativ) bewertet wird und damit oft auch emotional wirksam ist. 

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat Verluste jüngst als „  Grundproblem der Moderne“ beschrieben. Aus historischer Sicht ist hier zu intervenieren: zwar mag die (Spät-)Moderne ihre spezielle Beziehung zu Verlusten haben, unbestreitbar ist aber auch, dass Verlust eine menschliche Grunderfahrung ist, die in allen Epochen beobachtbar ist. Der Umgang mit Verlusten, ihre Bewertung und Bewältigung ist dabei immer auch zeitlichem und kulturellem Wandel unterworfen, den es je spezifisch zu analysieren und zu historisieren gilt.

Die soziologischen Thesen von Andreas Reckwitz zu historisieren bedeutet auch, die Herausforderungen der Moderne nicht schon im Vorfeld als einzigartig und überwältigend zu verstehen, sondern ihnen historische Tiefenschärfe zu verleihen. Verlusterfahrungen und -ängste mögen eng mit dem Ende des modernen Fortschrittsdenkens verbunden sein, sind aber kein neues Phänomen für menschliche Gesellschaften.

  • Am 22.-23. Mai 2025 fand eine Tagung in Wolfenbüttel statt. die darauf zielte, das bisher v.a. soziologisch konkreter gefasste Konzept des ‚Verlusts‘ auch für die geisteswissenschaftliche Forschung analytisch fruchtbar zu machen. Aktuell werden die Beiträge zur Publikation vorbereitet.
      Programm der Tagung ||    Tagungsbericht