Adelskultur und Adelsherrschaft in der Frühen Neuzeit.
Zur Kultur- und Sozialgeschichte des landsässigen Adels in den Regionen des westlichen Niedersachsens
Kurzbeschreibung (Teilprojekt „Der Adel als herrschaftlicher und politischer Stand“)
Das Forschungsvorhaben widmete sich der Herrschaftspraxis des Adels in Nordwestdeutschland während der Frühen Neuzeit und erforschte am Beispiel ausgewählter Adelsfamilien aus der Grafschaft Ostfriesland und dem Niederstift Münster Grundlagen, Handlungsspielräume und Grenzen adeliger Herrschaftsausübung. Damit wurden zwei Territorien ausgewählt, die sich in ihren politisch-herrschaftlichen, ökonomischen und sozialen Strukturen zum Teil erheblich unterscheiden. Doch der angestrebte Vergleich fokussierte nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten und Parallelen in den Handlungsmustern adeliger Herrschaftspraxis. Besonders solche Faktoren wie das Selbstverständnis des Adels als Herrschaftsstand und der Akzeptanz und Erfahrung von Herrschaft aus der Perspektive der Untertanen stellten die zentralen Verbindungselemente dar. Mithilfe des um die Perspektive der wechselseitigen Wahrnehmung und Deutung erweiterten Herrschaftsbegriffs gelangte das Vorhaben zu seinem zentralen Ergebnis, dass adelige Herrschaft sich nur bedingt im Rahmen eines linearen und eindimensionalen Machtgefüges abspielte. Vielmehr war Herrschaftspraxis in einen kommunikativen Prozess eingebunden. Ordnung, Sicherheit, ein bestimmter Stand oder eine bestimmte Position in der Gesellschaft bildeten die Kategorien und Bewertungsmaßstäbe, nach denen sowohl der Adel als auch die ihm untergebene oder ihn umgebende Bevölkerung seine bzw. ihre Lebenswelt gestaltete.
Eine besondere Aufmerksamkeit wurde im Vorhaben dem Adel im Umgang mit seiner natürlichen Umwelt zuteil. Die Forschungen haben deutlich gemacht, dass den Adel stets eine besondere Affinität zur Natur ausgezeichnet hat. Mit dem Besitz von Land und Wald und der Verfügungsgewalt über Gewässer und Flussläufe standen ihm natürliche Ressourcen zur Verfügung, die er möglichst ertragreich nutzen musste, um seine Existenz zu sichern und seinen im Laufe der Zeit entwickelten adeligen Lebensstil halten zu können. Mit der Herrschaft über die Natur verbanden sich eigene Interessen ebenso wie Neigungen. Allein dem landsässigen Adel stand soviel Grund und Boden zur Verfügung, dass er – je nach Vermögen – eine Gartenkultur in höfischem Stil zu entwickeln in der Lage war. Er brachte aus seinem Selbstverständnis heraus das Interesse an der Nutzung seiner Güter mit und konnte durch das umfangreiche Kommunikationsnetz, in dem er sich bewegte, diese Interessen auf vielfältigste Weise in der Praxis umsetzen. Ob es um die Kontakte zu den herausragenden Gartenarchitekten, die Lektüre von Gartenbüchern, den Ankauf von Pflanzen und Sämereien oder um die Auseinandersetzung mit der modernen Landwirtschaft und die Kenntnisse neuer Kultivierungs- und Anbaumethoden ging, grundsätzlich standen diese Erkenntnisse dem Adel in einem umfangreicheren Maße – und vor allem früher – zur Verfügung als anderen Bevölkerungsgruppen auf dem Lande.
Mit dem Fokus auf das Verhältnis von Adel und Natur wurde ein Forschungskomplex aufgriffen, der derzeit sehr aktuell ist und für die Adelsforschung eine fruchtbare Erweiterung der Perspektiven bedeutet, nämlich die Umweltgeschichte. Die Untersuchung des Themenkomplexes Umwelt und Herrschaft machte deutlich, wie sehr die gesellschaftlichen Machtverhältnisse in der Umweltgestaltung reflektiert wurden und wie die natürliche Umwelt als Argument für Machtausübung herangezogen wurde. Diese Erkenntnis bildete den Ausgangspunkt für die im Rahmen des Forschungsprojektes und als Abschluss desselben im März 2007 initiierte Tagung, die sich explizit dem Thema „Adel und Umwelt“ widmete und nach dem Verhältnis des frühneuzeitlichen Adels zu seiner natürlichen und seiner sozialen Umwelt fragte. Die auf der Tagung gehaltenen Vorträge konnten bereits ein Jahr nach der Tagung in einem umfangreichen Sammelband publiziert werden.
Projektbearbeitung
Hon. Prof. Dr. Heike Düselder
Geschichte
Honorarprofessorin & Direktorin des Museums Lüneburg
An der Katharinenkirche 8a
49069 Osnabrück
Raum 49/E04b
Dr. Olga Weckenbrock
Geschichte
ehem. wiss. Mitarbeiterin am Forschungszentrum IKFN
seit 2017 im niedersächsischen Schuldienst
Ausstellung im Haus Arkenstede (Nds. Freilichtmuseum Museumsdorf Cloppenburg)
Neben der Forschungsarbeit gehörte bis 2011 auch die Betreuung der im Haus Arkenstede im Museumsdorf Cloppenburg seit September 2004 präsentierten Dauerausstellung „Adel auf dem Lande“ zu den geleisteten Tätigkeiten. Die Ausstellung ist das Ergebnis des von der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Museumsdorf durchgeführten Vorgängerprojektes „Adelskultur und Adelsherrschaft in der Frühen Neuzeit“. Der Dauerausstellung liegt das Konzept zugrunde, überwiegend mit Leihgaben aus privatem Besitz zu arbeiten und die Schwerpunkte der Ausstellung nach den ersten zwei Jahren jährlich zu ändern. Mit diesem Konzept wird das Ziel verfolgt, neue Forschungsergebnisse direkt in die Ausstellung einfließen zu lassen. Vor allem die Forschungen zur Herrschaft des Adels über die Natur sind in den vergangenen Jahren verstärkt in die Präsentation eingeflossen und konnten sowohl durch die Exponate selber als auch mithilfe der Informationstafeln in der Ausstellung und zahlreicher themenspezifischer Führungen einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden.