Forschungsprofil

Affekt- und Emotionsforschung

Welchen Normen und Konventionen war affektives Handeln in unterschiedlichen Kontexten der Frühen Neuzeit unterworfen? Konnten Affekte wiederum genutzt werden, um innerhalb eines normativen Rahmens Spielräume zu eröffnen oder gar Veränderungen zu bewirken? Gab es geschlechterspezifische Unterschiede, die die gesellschaftlichen Spielräume des Affektiven und die Möglichkeiten, diese zu transformieren, prägten? Wie konkretisierten sich diese Spielräume, durch welche situativen Faktoren waren sie bedingt und wie wurden sie in den Künsten thematisiert?

Diesen Fragen widmet sich eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe des IKFN im Rahmen verschiedener, sowohl wissenschaftlicher als auch an die breitere Öffentlichkeit gerichteter Formate. Hierzu zählen die 2022 organisierte Graduiertentagung  „Liebesgeflüster und Wutgeschrei. Affektkommunikation in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit“ und die 2023 ausgerichtete Fachtagung  „Spielräume des Affektiven“, aber auch eine international besetzte  Vorlesungsreihe (WS 23/24) und eine im SoSe 24 veranstaltete Reihe von Gesprächen mit Vertretern aus der beruflichen Praxis (Recht, Justiz und Psychiatrie), die unter dem Titel  „Im Affekt!? Gespräche über Gefühle in Beruf und Gesellschaft“ stattfand.

Historische Abbildung von Emotionen. Die Abbildung zeigt eine Reihe von Gesichtern, die alle unterschiedliche Emotionen widerspiegeln, von Freude über Trauer und Wut bis hin zu Hass ist alles dabei.
© Public Domain
Sixteen faces expressing the human passions. J. Pass, 1821, after C. Le Brun. Source: Welcome Collection.

Aufklärungsforschung im regionalen Kontext

Die Kultur- und Ideengeschichte ist seit Jahren ein etablierter und prägender Forschungsschwerpunkt des IKFN. Derzeit stehen die Aufklärungsforschung und anlässlich seines im Jahr 2020 zu begehenden 300. Geburtstages besonders der Staatsmann und Aufklärer Justus Mösers (1720-1794) im Zentrum dieses Schwerpunktes. Während das von der Bohnenkamp-Stiftung von 2020 bis 2023 geförderte Projekt  Justus Möser im Netzwerk der deutschen Aufklärung dessen zeitgenössische regionale und überregionale Rezeption in den Blick nahm, widmete sich das im gleichen Zeitraum vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte Projekt  Aufklärer in Staatsdiensten der Erforschung  der Handlungsspielräume Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) und Mösers in ihren Doppelrollen als Aufklärer und Staatsbeamte. Diesem Schwerpunkt ebenfalls zuzuordnen ist das Forschungsprojekt  Justus Möser als Essayist und Publizist, das literarische Beiträge des Osnabrücker Staatsmanns und Schriftstellers Justus Möser unter modernen essay- und pressegeschichtlichen Gesichtspunkten untersucht hatte. Aktuell stehen im Erschließungsprojekt J ustus Möser als Politikberater die politischen Gutachten des Aufklärers im Zentrum, um eine Grundlage für zukünftige Editions- und Forschungsprojekte zu ermöglichen.

In der Vergangenheit war das in Kooperation mit der Herzog August Bibliothek (HAB) Wolfenbüttel angelaufene Promotionsprogramm  Wissensspeicher und Argumentationsarsenal von 2015 bis 2018 ein wichtiger Träger des Schwerpunktes. Es untersuchte die Bibliothek als ein ideengeschichtliches Reservoir, in dem Wertevorstellungen vergangener Epochen, deren Bestehen und Wandel sowie Kontroversen gespeichert worden sind.

Abbildung von Justus Möser. Das Foto zeigt ein historisches Porträt eines Mannes, mit weißen gelockten Haaren. Er schaut in die Kamera und trägt historische Kleidung.
© Gleimhaus Halberstadt. Foto: Ulrich Schrader.
Justus Möser. Porträt von Ernst Gottlob, 1777. Gleimhaus Halberstadt, Inv.-Nr.: A 067.

Historische Friedensforschung

Ein weiteres Kernthema des IKFN ist die historische Friedensforschung. In diesem Schwerpunkt werden politik- und diplomatiehistorische Herangehensweisen um ideengeschichtliche, insbesondere historisch-semantische Ansätze erweitert. Damit gelingt es, frühneuzeitliche Vorstellungen, Konzepte und Praktiken von Frieden in neuer Perspektive zu beleuchten. Ziel ist die Herausarbeitung frühneuzeitlichen Friedenswissens und vormoderner Friedenskultur - mit ihren Trägern, ihrer Verbreitung und ihren Differenzierungen. Die Tradition der historischen Friedensforschung am IKFN beruht auf dem vielbeachteten internationalen Kongress von 1998 zum 350. Jubiläum des Westfälischen Friedens und den zwei Ausstellungen "Was umb und umb wird kommen, soll frieden heißen" (1998) sowie "Süß ist der Krieg den Unerfahrenen" (2003). Daran schlossen sich die Projekte an wie z.B.

 Pax, Pactum, Pacificatio – Zur inneren und äußeren Struktur von Friedensstiftungen mit den Mitteln des Rechts ab der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Dreißigjährigen Krieg
 Das juristische Wissen um Frieden im Alten Reich und in Schweden um 1600

Den Auftakt der neuerlichen Schwerpunktsetzung des IKFN auf die Erforschung des Westfälischen Friedens bildete die internationale Tagung  Wendepunkte. Friedensende und Friedensanfang vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Gegenwart, die vom 24.-26. Oktober 2018 in Osnabrück durchgeführt wurde und anhand des Dreißigjährigen Krieges, des Ersten Weltkrieges und der Kriege im ehemaligen Jugoslawien (1991-2001) Dynamiken und Übergangsphänomene zwischen Frieden und Krieg in den Blick nahm. Das Forschungsprojekt  Frieden als Kommunikationsprozess – die Dritte Partei des Westfälischen Friedenskongresses wurde bis 2021 von der DFG gefördert. Schon 2020 erschien das Grundlagenwerk  Handbuch Frieden im Europa der Frühen Neuzeit/Handbook of Peace in Early Modern Europe, das die Bedingungen, Chancen und Grenzen der Realisierung von Frieden in der Epoche der Frühen Neuzeit in all seinen geschichtlichen Dimensionen in 51 Artikeln beleuchtet.

2023 veranstaltete das IKFN anlässlich des 375. Jubiläums des Westfälischen Friedens das Ausstellungsprojekt  "Dem Frieden ein Gesicht geben", in dessen Vorbereitung eine Arbeitsgruppe des IKFN die sog. Diarien des Westfälischen Friedenskongresses auf ihr kulturgeschichtliches Potenzial untersucht hat. Im Kontext des Jubiläumsjahres fand zudem die internationale Tagung  Friedensmacher, Multiplikatoren und Profiteure: Akteure des Westfälischen Friedenskongresses statt. Eine gleichnamige  Publikation ist 2026 erschienen. Aktuell ist das DFG geförderte Forschungsprojekt  Der Prager Frieden von 1635 als Argument. Gescheiterter Frieden oder Referenzfrieden auf dem Westfälischen Friedenskongress? im Schwerpunkt angesiedelt.

Historische Abbildung des Osnabrücker Handschlages. Auf der historischen Federzeichnung ist aus der Vogelperspektive ein Raum abgebildet, in dem mehrere Tische zu sehen sind. An jedem Tisch sitzen unterschiedliche viele Personen in einer bestimmten Anordnung. Die Figuren tragen Hüte und historische Gewänder. Auf der rechten Seite ist ein Kamin zu sehen. Im obigen Bereich an der Wand sind zwei Türen und ein großes, mittiges Fenster.
© Landesarchiv Thüringen, Staatsarchiv Gotha, 2143 S. 334/335.
Sitzordnung im Saal von Oxenstierna beim sog. Osnabrücker Handschlag am 6. August 1648.