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Im Fechtkeller des Osnabrücker SC an der Hiärm-Grupe-Straße trainiert auch Folker Mehliss seine Kursteilnehmer.

Spitz auf Medaillen

Zur aktuellen Lage

Aufgrund der Corona-Krise wurde seitens des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes (adh) die im Juni geplante DHM Fechten (Team) inzwischen abgesagt. Ob eine Durchführung zu einem späteren Termin in diesem Jahr noch möglich ist, soll noch geprüft werden. Aktuell spricht jedoch mehr dafür, dass der Hochschulsport Osnabrück eine Ausrichtung der DHM im kommenden Jahr ins Auge fasst und sich für 2021 erneut bewerben wird.

Touché! Mit dieser Veranstaltung könnte das Zentrum für Hochschulsport (ZfH) Osnabrück einen Volltreffer landen. Während Studierende mit ihrer Klausur fechten werden, messen sich vom 19. bis 21. Juni in den Sporthallen des Osnabrücker Sportclubs (OSC) rund 100 Teams aus ganz Deutschland mit echten Degen. Das Zentrum richtet zum 3. Mal die Deutsche Hochschulmeisterschaft Fechten in der Friedensstadt aus. Wie das ein vergleichsweise kleiner Hochschulsportstandort stemmt, erzählen euch Leiterin Ebba Koglin und Folker Mehliss, Kursleiter der Fechtgruppe von Universität und Hochschule, im Campus Stories-Interview mit Schülerpraktikant Alexander Weisheim.

Viele kennen sich im Vereins-Sport aus: Kreisliga-Sonntags-Derby mit Familie, Sportsfreundschaften schließen in der Schlosswallhalle. Was ist denn am Hochschulsport besonders?
Ebba Koglin: Hochschulsport ist eine gesetzliche Aufgabe aller Universitäten und Hochschulen. Die jeweiligen Hochschulsporteinrichtungen im Bundesgebiet setzen ihre Schwerpunkte aber nochmal unterschiedlich. Die einen sind stärker wettkampforientiert, andere breitensport- und bildungsorientiert. In Niedersachsen ist tendenziell eher Letzteres der Fall.

Also stehen Breitensport und Bildung im Hochschulsport Osnabrück im Vordergrund?
Ebba Koglin: Genau! Wir in Osnabrück organisieren den Hochschulsport sowohl für die Uni als auch für die Hochschule Osnabrück. Zielgruppe sind die Studierenden, aber auch die Beschäftigten. Wir haben ein sehr breites Angebot von Sportkursen. Von Mannschaftssportarten wie Fußball über Trendsportarten bis hin zu Fitness oder Gesundheitssportarten wie Yoga. Dadurch können Studierende auch etwas Neues für sich entdecken.

 

Allez! Zwei für den Hochschulsport

Ebba Koglin studierte Sport, Publizistik und Jura an der Universität Göttingen. Seit Mai 2014 ist sie Leiterin des Hochschulsports Osnabrück. Den ersten Kontakt zum Hochschulsport hatte sie bereits während ihres Studiums in Göttingen als Übungsleiterin Ski alpin und aktive Teilnehmerin verschiedener Hochschulsportkurse. Während ihrer Zeit  als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität des Saarlandes lernte sie einen weiteren Hochschulsportstandort und dessen Leitung kennen. 2006 wechselte sie dann zum Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (adh). Ab 2010 war sie dort Bildungsreferentin und hat dadurch viele Hochschulsporteinrichtungen im gesamten Bundesgebiet kennengelernt. In Osnabrück erfüllte sie sich ihren Wunsch, einen Hochschulsportstandort maßgeblich mitzugestalten. Ihren Vorgänger Maik Vahldiek kennt sie noch aus Göttinger Studienzeiten.

Folker Mehliss betreut IT, Wettkampfsport, Kursverwaltung, Rechnung- und Beschaffungswesen im ZfH. Richtig in Bewegung kommt er als Kursleiter der Fechtgruppe. Mit 7 Jahren hat er zum ersten Mal Degen, Florett und Säbel im Osnabrücker SC gehalten. Neben seiner sportlichen Karriere wurde er Jugendgruppenübungsleiter, Jugendfechtwart, nationaler und internationaler Kampfrichter und – als Sportfördersoldat – B-Trainer. Seit seinem Sportstudium in Osnabrück und als Hilfskraft für die Segelkurs-Verwaltung ist er dem Hochschulsport verbunden, außerdem war er im Vorstand der OSC-Fechtabteilung und des Landesverbandes Fechten.

Auffällig ist die unmittelbare Nachbarschaft zum Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften der Uni.
Ebba Koglin: Wir nutzen ja auch dieselben Sportstätten. Aber natürlich bestehen  auch  inhaltliche Verknüpfungen zur Lehre. In Zusammenarbeit mit der Sportwissenschaft bieten wir beispielsweise den Hochschulsport-Pausenexpress an. Dabei leiten von der Sportwissenschaft ausgebildete Studierende Beschäftigte der Universität bei einer 15-minütigen aktiven Pause an. So können diese Studierenden wichtige Lehrerfahrung sammeln. Und die Beschäftigten nach dem vielen Sitzen ihren Rücken stärken und lockern. Ab 30. März nehmen wir übrigens wieder Anmeldungen für den nächsten Durchgang entgegen.

Wie haben Sie es geschafft, die Deutsche Hochschulmeisterschaft im Fechten nach Osnabrück zu holen – obwohl hier Breitensport vor Wettkampf geht?
Ebba Koglin: Tatsächlich ist das für uns schon etwas Besonderes – aber aus einem anderen Grund. Denn andere Hochschulsportstandorte, mit mehr Personal und entsprechenden Sportstätten, richten regelmäßig Hochschulmeisterschaften aus. Es ist allerdings auch nicht das erste Mal, dass die Deutsche Hochschulmeisterschaft im Fechten in Osnabrück stattfindet. 1995 war es die DHM Fechten im Einzel, 2005 die Mannschaftsmeisterschaft.

Also der Beginn einer Tradition?
Ebba Koglin: Natürlich hat es Gründe, dass wir uns erneut für die Ausrichtung einer Fecht-Meisterschaft beworben haben. Denn mit Folker Mehliss haben wir die fachliche Kompetenz im Haus.

Mussten Sie die Ausrichtung ausfechten, Herr Mehliss?  
Folker Mehliss: Nein, im Gegenteil. Als ehemaliger Aktivensprecher des adh habe ich einen sehr guten Kontakt zum Disziplinchef Michael Mahler, der unsere Bewerbung sofort befürwortete. Um ein derartiges Event durchzuführen, benötigt es Synergien – die kann auch nicht jeder Hochschulstandort vorweisen. Wir bekamen viel Unterstützung von der Fechtcommunity. Insofern war es auch nicht so wahnsinnig schwer, die Meisterschaft nach Osnabrück zu holen. Nach der Abgabe der Bewerbung beim Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband haben wir sehr schnell die Zusage bekommen.

Glückwunsch!
Ebba Koglin: Danke, wir freuen uns sehr, diesmal Ausrichter zu sein! Hinzu kommt: Dank Folkers erfolgreicher Tätigkeit als Kursleiter in unseren Fechtkursen haben wir auch ein eigenes Fechtteam, das regelmäßig an solchen Deutschen Hochschulmeisterschaften teilnimmt.

Das klingt nach Ambitionen. Wie regelmäßig?
Folker Mehliss: Seit 1991 ist mindestens einmal im Jahr ein Fechter oder eine Fechterin des Hochschulsports Osnabrück bei Hochschulmeisterschaften gestartet.

Mit Osnabrück muss man also rechnen! Welche Chancen rechnen Sie sich für das Osnabrücker Team aus?
Folker Mehliss: Das einzuschätzen ist schwierig. Wir haben das Glück, erfahrene Fechter und Fechterinnen im Team zu haben, die schon vor ihrem Studium in Osnabrück gefochten haben. Aber sie haben oft wie viele andere eine drei- bis vierjährige Pause hinter sich. Allerdings haben wir auch Sportlerinnen und Sportler, die schon im Osnabrücker Verein gefochten haben und für ein Studium in Osnabrück geblieben sind. Wenn wir aus dem bunten Mix das ganze Potential ausschöpfen können, ist eine Medaille drin.

Das hoffen wir doch sehr! Wie oft „kreuzen“ Sie die Klingen, und mit welchen Teams?
Folker Mehliss: Das ist sehr unterschiedlich. Die „reinen“ Studierenden trainieren einmal in der Woche, die in Osnabrück studierenden „Vereinsfechter“ absolvieren zwischen zwei und vier Trainingseinheiten pro Woche. Mit anderen Teams oder Vereinen treffen wir uns selten, der Aufwand ist einfach zu hoch.

Also, in doppelter Hinsicht etwas Großes für den Osnabrücker Hochschulsport! Wie viele Fechter und Fechterinnen nehmen an der Meisterschaft teil?
Ebba Koglin: Da die Meisterschaft vom 19. bis 21. Juni 2020 in der Klausurzeit liegt, wissen wir noch nicht die genaue Anzahl der Teilnehmer, aber wir rechnen mit ca. 100 Teams aus je drei bis vier Sportlern. Das heißt, dass die Meisterschaft als Teamwettbewerb ausgetragen wird.

Wo kommen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen her?
Ebba Koglin: Wir erwarten möglichst Teilnehmende von allen Hochschulen, an denen Fechten angeboten wird. Unis wie Aachen, Mainz oder Heidelberg stellen beispielsweise immer ein Team.

Was ist denn – formal und für das „Wettkampf-Gefühl“ – der Unterschied zu Einzelwettkämpfen?
Folker Mehliss: Formal absolviert jede Fechterin und jeder Fechter im Mannschaftskampf je drei Einzelgefechte. Drei Fechterinnen und Fechter des einen Teams fechten jeweils gegen die drei Fechterinnen und Fechter des gegnerischen Teams. Somit sind das neun Einzelgefechte. Der Unterschied zum Einzelwettkampf ist, dass die einzelnen Gefechte nicht mit einem „Gleichstand“ beginnen. Der bisherige Trefferstand wird vielmehr summiert! So ficht die erste Paarung, bis fünf Treffer erreicht sind, die zweite Paarung übernimmt bis zum zehnten Treffer und so weiter – bis eine Mannschaft die erforderlichen 45 Treffer gesetzt hat.

Eine echte Nervenprobe…
Folker Mehliss: Theoretisch kann eine Mannschaft 0:44 zurückliegen, aber das Gefecht noch 45:44 gewinnen. Vom Wettkampfgefühl ist das für jeden einzelnen sehr unterschiedlich. Es gibt einige Fechterinnen und Fechter, die im Teamwettbewerb deutlich über sich hinauswachsen können.

Was ist der Unterschied zwischen den drei Fecht-Stilen?
Folker Mehliss: Man ficht mit drei verschiedenen Waffen: dem Degen, dem Florett und dem Säbel. Der am einfachsten zu verstehende Kampf findet mit dem Degen statt. Die Trefffläche beim Degen ist der ganze Körper, vom Scheitel bis zur Sohle. Wer zuerst trifft, gewinnt den Punkt. Wenn beide gleichzeitig treffen, bekommen beide einen Punkt. Beim Florett ist die Trefffläche nur der Rumpf, ohne Arme und Kopf. Es gilt ein Treffervorrecht, nach dem derjenige den Punkt bekommt, der die letzte regelkonforme Aktion durchgeführt hat. Beim Säbel gilt die ganze Fläche oberhalb des Gürtels als Trefffläche, inklusive Arme und Beine. Der Säbel zeichnet sich als Hieb- und Stoßwaffe aus – im Gegensatz zu den Stichwaffen Florett und Degen. Beim Säbel gilt auch das Treffervorrecht.

Zum Angeben auf der nächsten Party: Wie und warum haben sich diese drei Stile entwickelt?
Folker Mehliss: Ab dem 17. Jahrhundert schritt die Entwicklung der Handfeuerwaffen soweit voran, dass das Schwert seinen Einfluss als militärische Waffe verlor. Schwerter wurden noch gegen zivile Gegner, zur Selbstverteidigung und in Duellen genutzt. Über das leichtere Rapier entwickelte sich im 18. Jahrhundert der Degen. Das Florett folgte als noch leichtere und besser zu handhabende Übungswaffe. Der Säbel wird der leichten Kavallerie zugeordnet.

Wie sind Sie in den Fechtsport gekommen, was begeistert Sie daran?
Folker Mehliss: Besonders gereizt hat mich, als meine älteren Geschwister im Verein gefochten haben und ich nur zuschauen durfte, weil ich noch zu klein war. (lacht) Aber dann hat es mich dauerhaft in diesen Sport gezogen. Fechten ist ein fantastischer Sport, man kann sich sportlich ausleben. Fechten bietet Einzel-, aber auch Mannschaftskämpfe. Zwar stehen sich auch in den Mannschaftskämpfen Fechter und Fechterinnen alleine auf der Bahn gegenüber, aber sie haben eine Gruppe hinter sich, die ihnen den Rücken stärkt. Und beim Fechten kann jemand durch Technik das ausgleichen, was ihm oder ihr an Kraft oder Geschwindigkeit fehlt. Und anders herum.

Onlineangebot

Der Hochschulsport Osnabrück hat seit dem 13. März seinen Präsenzbetrieb eingestellt und wird diesen voraussichtlich im Sommersemester, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt  wieder aufnehmen können. Mit #beactiveathome hält er jedoch ein Onlineangebot bereit, das die Angehörigen von Universität und Hochschule dabei unterstützt, aktiv zu bleiben. Neben Tipps und Videos werden ab der kommenden Woche täglich auch mehrere Livestream-Angebote u. a. für Yoga, Ballett und Fitness kostenfrei zur Verfügung gestellt.

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Okay, sagen wir, mein Gegner wäre deutlich kräftiger…
Folker Mehliss: Wenn eine kräftige Person mit seiner Klinge die gegnerische Waffe wegdrückt, ist er klar im Vorteil. Deren Gegner muss also versuchen, das zu vermeiden, indem er zum Beispiel kleine Ausweichbewegungen seiner Waffe einsetzt, um den anderen ins Leere laufen zu lassen. Das Spannende ist, beim Gefecht wie im Schachspiel zu versuchen, gegenseitige Stärken und Schwächen auszunutzen. Es ist mental und physisch ein sehr anspruchsvoller Sport.

Fechten gilt als „Schach in Formel-1-Geschwindigkeit“. Und laut einer Studie der University of Oslo bei den Olympischen Sommerspielen 2008 sogar als zweitsicherster Sport nach Badminton! Liegt das an der Schutzkleidung?
Folker Mehliss: Ja, definitiv.

Was gehört denn dazu?
Folker Mehliss: Die Hose, ein Unterzieh-Plastron – so nennen wir das Schutzpolster - und eine Fechtjacke, alles aus Kevlar-Gewebe und damit quasi „hieb- und stichfest“. Frauen tragen zusätzlich einen Brustpanzer aus Plastik. Die Fechtmaske ist ein sehr festes Drahtgeflecht aus V4A Stahl. Und die Maragin-Klingen haben einen stumpfe Druckspitze.

Wo liegt der Zeit-Rekord, um diese Schutzkleidung anzulegen?
Folker Mehliss: (lacht) Das kommt darauf an, wie spät man dran ist. Aber viel länger als ein normales Bekleiden dauert es gar nicht. Wir achten eher auf Sicherheit und vor einem Gefecht checkt der Kampfrichter nochmal, ob alle sicherheitsrelevanten Vorgaben eingehalten werden.

Anfänger können also ohne Verletzungsgefahr mal reinschnuppern, Frau Koglin?
Ebba Koglin: Natürlich, solange es freie Kursplätze gibt, sind Interessierte immer herzlich willkommen und die Ausrüstung wird von uns gestellt. Ansonsten haben wir aber auch noch viele andere spannende Angebote im Programm, darunter im Übrigen auch Schach ganz ohne Formel-1-Geschwindigkeit (grinst).

Hatten Sie selber Gedanken an eine Profi-Karriere, Herr Mehliss?
Folker Mehliss: Während meines Studiums sagte mir mein Trainer: Wenn du zweimal am Tag und fünfmal die Woche trainierst, kannst ich dich zu den Olympischen Spielen bringen. Aber ich habe entschieden, dass sich der Einsatz für mich nicht lohnt und ich mein Studium weiterführen werde. Außerdem verdient man mit Fechten kaum etwas.

Was verdienen denn Fecht-Profis? Könnten sie davon leben?
Folker Mehliss: Da müssen Sie die Profis mal fragen. Die meisten „Profifechter“, die ich kenne, sind Angestellte beim Bund, also zum Beispiel beim Zoll, bei der Bundeswehr oder bei der Polizei, oder haben Aufgaben im Verein übernommen. Mit Glück findet man einen guten Sponsor.

Was wünscht man sich beim Fechten?
Gut Hieb und Stich!

Gut Hieb und Stich also für Ihr Fechtteam und viel Erfolg für die Deutsche Hochschulmeisterschaft. Vielen Dank für dieses Gespräch!

Interview: Alexander Weisheim
Fotos: Universität Osnabrück | Jens Raddatz