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Pressemeldung

Nr. 253 / 2018

05. Dezember 2018 : Kann Hilfe auch hinderlich sein? Forschungsprojekt untersuchte Hilfe gegenüber Geflüchteten

Es ist auf den ersten Blick eine provozierende Frage: Ist jede Form der Hilfe gegenüber Geflüchteten wirklich sinnvoll? Befasst hat sich damit eine kürzlich akzeptierte Publikation im European Journal of Social Psychology, die im Rahmen der Profillinie Migrationsgesellschaften an der Universität Osnabrück erstellt wurde. Mit Ergebnissen, die erstaunen.

Durchgeführt wurde das Projekt wurde unter der Leitung der Sprecherin der Profillinie, Prof. Dr. Julia Becker, am Institut für Psychologie der Universität Osnabrück. Die Sozialpsychologin erläutert den Hintergrund: „Wir problematisieren den Umstand, dass Hilfe meistens im Kontext eines Machtgefälles gegeben wird.“ So werde zwischen abhängigkeitsorientierter Hilfe und autonomie-orientierter Hilfe unterschieden. „Abhängigkeitsorientierte Hilfe meint, dass die hilfsbedürftige Person passiv bleibt und die helfende Person die Lösung des Problems allein übernimmt. Autonomieorientierte Hilfe behauptet hingegen, dass die hilfsbedürftige Person in die Lage versetzt wird, sich selbst zu helfen, um in der Zukunft selbstbestimmt zu handeln.“ Im Kontext von Hilfe gegenüber Geflüchteten wäre ein Beispiel für abhängigkeitsorientierte Hilfe die Vergabe von Essensgutscheinen und ein Beispiel für autonomie-orientierte Hilfe die Teilnahme an einer Demonstration, um für mehr Rechte von Geflüchteten einzutreten.

Die Wissenschaftlerinnen zeigen, dass Personen, die paternalistisch eingestellt sind, eher abhängigkeitsorientiere Hilfe leisten. Sie helfen Geflüchteten weniger, um zu sozialer Veränderung beizutragen, sondern vielmehr, um das moralische Image der Deutschen zu verbessern. Personen, die nicht paternalistisch eingestellt sind, neigen eher zu autonomie-orientierter Hilfe: sie geben Hilfe zur Selbsthilfe, weil sie der Überzeugung sind, Geflüchtete sind kompetent.

In einer zweiten Studie verglichen die Wissenschaftlerinnen, wie Deutsche versus Geflüchtete unterschiedliche Hilfsangebote für Geflüchtete wahrnehmen mit Hinblick auf das Potential, dass durch das Hilfsangebot soziale Veränderung eintreten kann. Sie fanden heraus, dass alle Hilfsangebote von Geflüchteten positiver eingeschätzt werden als von den Deutschen. Darüber hinaus fanden sie aber auch einen deutlichen Unterschied zwischen abhängigkeitsorientierter Hilfe und autonomie-orientierter Hilfe: Autonomie-orientierte Hilfe hat sowohl für Geflüchtete als auch für Deutsche mehr Potential, um zu sozialer Veränderung beizutragen.

Das Fazit liegt nahe: „Auch, wenn viele Formen von Hilfe gut gemeint sind, erzielen sie nicht immer das, was sich die Empfänger der Hilfe wünschen. Eine ganz praktische Empfehlung wäre in der bevorstehenden Weihnachtszeit, die Betroffenen einfach selbst zu fragen, welche Form von Hilfe bzw. Spenden sie sich wünschen“, erklärt Becker.

Die Profillinie Migrationsgesellschaften ist eine von sechs Profillinien, mit denen das wissenschaftliche Profil der Universität Osnabrück geschärft werden soll.

Becker, J.C., Ksenofontov, I., Siem, B., & Love, A. (in press). Antecedents and Consequences of Autonomy- and Dependency-Oriented Help Toward Refugees. European Journal of Social Psychology.

Weitere Informationen für die Redaktionen:
Dr. Oliver Schmidt, Universität Osnabrück
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