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Die Adolf Reichwein-Hochschule:
Ein Blick zurück

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Adolf Reichwein-Hochschule

Prof. Dr. Hans Bohnenkamp, Direktor der Adolf-Reichwein-Hochschule.

Prof. D. Lic. Helmuth Kittel (li.), Nachfolger Prof. Bohnenkamps (re.) als Direktor der Adolf-Reichwein-Hochschule.

Die Pädagogin Prof. Dr. Elisabeth Siegel (li.) gilt als eine der Wegbereiterinnen für Frauen im Hochschulwesen.

Gesellige Unternehmungen führten Studierende, Professorinnen und Professoren oft zusammen.

Bis 1953 war die Pädagogische Hochschule in Celle im sogenannten "Glashaus", entworfen vom Bauhaus-Architekten Otto Haesler, untergebracht.

Es ist ein Blick zurück, der für Spätergeborene Ungewohntes offenbart, aber zugleich auch vieles aufzeigt, was bedenkenswert für die derzeitige Lehrerausbildung sein könnte. 60 Jahre nach dem Ende ihrer Ausbildung trafen sich im August 2014 19 Alumni des ersten Abschlussjahrganges der Adolf Reichwein-Hochschule, der Vorgängereinrichtung der heutigen Universität.

In diesem Sinne lässt sich die Historie der Reichwein-Hochschule, die 1953 von Celle nach Osnabrück verlegt wurde, nicht allein als nostalgisches Zurück-Denken verstehen. Alles begann unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutschland lag in Trümmern, die Lehrerausbildung musste zunächst einmal von dem Ballast der nationalsozialistischen Ideologie befreit werden. Bereits im Mai 1945 wurde eine „neue Form der Lehrerbildung“, wie es der Osnabrücker Alumnus Adolf Meyer nennt, gefordert – und dies nicht zuletzt von den alliierten Besatzungsmächten. Dabei war Eile geboten, denn überall in der Region fehlten Lehrkräfte, vor allem auf dem Land meldeten zahlreiche Volksschulen Bedarf an. Um hier Abhilfe zu schaffen, entstanden in enger Abstimmung mit der britischen Militärregierung neue Ausbildungsstätten, insbesondere für Volksschullehrerinnen und –lehrer in Niedersachsen. Die entsprechende Einrichtung in Celle, die sich in ihren inhaltlichen Leitlinien und pädagogischen Grundprinzipen an den Lehranstalten der Weimarer Republik orientierte, nahm bereits Anfang 1946 ihre Tätigkeit auf; wenige Jahre später wurde sie in der sogenannten Glashausschule, die von dem Bauhaus-Architekten Otto Haesler entworfen worden war, untergebracht. Von dort ging es dann 1953 ins ehemalige fürstbischöfliche Schloss nach Osnabrück.

Für den niedersächsischen Raum einer der wichtigsten Männer der ersten Stunde wurde hierbei der ehemalige hochrangige Offizier und Pädagoge Prof. Hans Bohnenkamp, dem es in britischer Kriegsgefangenschaft gelang, einen jungen Wehrmachtsoberleutnant namens Helmut Schmidt für die Sozialdemokratie zu begeistern.

Soviel zu den äußeren Rahmendaten. Doch wie studierte es sich überhaupt so kurz nach Kriegsende? Wie verhielten sich die Studierenden, wie die Lehrenden? Und was stand auf den Lehrplänen? Einer, der aus einer doppelten Perspektive darüber Auskunft geben kann, ist Georg Rückriem, der später als Pädagogikprofessor in Berlin tätig wurde. Doppelte Perspektive deshalb, da der heute 80-Jährige als Student dem ersten Osnabrücker Ausbildungsjahrgang angehörte und darüber hinaus weil sein Vater, Prof. Wilhelm Rückriem einer der Lehrenden der ersten Generation an der Reichwein-Hochschule war.
Was sein Sohn heute, 60 Jahre später, zu berichten weiß, zeigt, wie sich die Zeiten geändert haben. »Das Studium, das wir damals durchliefen, lässt sich mit einem heutigen nicht vergleichen«, erklärt er. Allein die Bandbreite der unterrichteten Fächer, insgesamt zwölf seien es gewesen, erscheint aus heutiger Sicht unglaublich.  Die Vielzahl der unterrichteten Fächer spiegelt sich auch in den Wochenstunden wider. Mehr als 40 Stunden seien es gewesen, so Rückriem. »Dazu kamen noch Exkursionen sowie oft extracurriculare Veranstaltungen.« Diese vielen gemeinsam verbrachten Stunden und die anfänglich geringe Anzahl von Studierenden – 1952 begannen lediglich 90 junge Männer und Frauen ihr Studium im „Glashaus“– führten zu einem fast familiären Gemeinschaftsgefühl, das nicht zuletzt durch die intensive Betreuung durch die Lehrenden verstärkt wurde.

Ebenfalls eine Besonderheit dieser frühen Jahre: die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte der Studierenden. So fanden sich zahlreiche ehemalige Soldaten unter den Studierenden, selbst Offiziere wurden auf ausdrücklichen Wunsch des ehemaligen Ritterkreuzträgers Prof. Bohnenkamp aufgenommen, um ihnen eine zweite Chance zu geben.

Doch es war nicht allein Bohnenkamp, der auf die Studierenden einen großen Einfluss ausübte. Auch Prof. Hellmuth Kittel, der Evangelische Theologie und Methodik des Religionsunterrichts unterrichtete, galt als charismatische Persönlichkeit. Insgesamt 17 Professorinnen und Professoren zählten zum Kollegium, darunter die heute noch in Osnabrück weithin bekannte Pädagogin Prof. Elisabeth Siegel. Hinzu kamen noch eine Reihe weiterer Lehrpersonen, die für besondere Aufgaben herangezogen wurden, darunter sogar ein Ornithologe. Einen besonderen Stellenwert nahm das gemeinsame Musizieren sowie der Sport ein. Unterrichtet wurde im Hauptgebäude des Osnabrücker Schlosses, in den  Seitenflügeln waren die Bibliothek, das Studentenwerk und die Mensa untergebracht.

Bei aller  fachlichen Breite der angebotenen Ausbildung hatten doch alle Dozentinnen und Dozenten eines gemeinsam: das pädagogische Ethos, welches sich streng an humanistischen Idealen orientierte. Darauf verwiesen wurde bereits durch den Namensgeber der Hochschule Adolf Reichwein. Prof. Bohnenkamp, der mit dem von den Nazis hingerichteten Pädagogen und Widerstandskämpfer eng befreundet gewesen war, hatte sich für ihn als Namensgeber der Hochschule eingesetzt.
Ursprünglich vier - und nach einem fünfsemestrigen Übergang - sechs Semester dauerte die Ausbildung zum Volksschullehrer, danach ging es als so genannter Junglehrer in die Schulen – wobei es sich zumeist um Einklassenschulen auf dem Land handelte. Dort wurden alle Schüler gemeinsam in einer Klasse unterrichtet, ein Umstand, der den Lehrerinnen und Lehrern ein hohes Maß an pädagogischem und didaktischem Geschick abverlangte. Zwei Jahre dauerte das, was heute wohl als Referendariat bezeichnet wurde, dann unterzogen sich die Junglehrer einer weiteren Prüfung. »Dabei war man allerdings auch bereits als Junglehrer selbst voll verantwortlich für alle Belange, die die Schule betrafen, denn gerade in den Einklassenschulen gab es  keine älteren Kollegen, die einem zur Seite standen«, so Rückriem.

Was lässt sich aus all dem ableiten für die heutige Lehrerausbildung? Rückriem: »Ich glaube, dass die damalige Ausbildung insbesondere dem Umstand erfolgreich Rechnung trug, dass wir uns in einer Übergangszeit befanden. Im Mittelpunkt dabei stand der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes und damit verbunden eine kulturelle-politische Transformation. Bezogen auf die Lehrerbildung war es das Ziel, eine neue, den demokratischen Prozessen aufgeschlossene Pädagogengeneration auszubilden. Auch heute stehen Transformationsprozesse an, die insbesondere durch die globale Digitalisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche geprägt sind. Hier zeigen sich Analogien, die meines Erachtens unsere damals gemachten Erfahrungen auch für die heute Lehrerbildung wertvoll machen.«