S01 E01 The Forerunner
#1 – Die Vorreiterin
Czarina Wilpert und die Anfänge der Migrationsforschung in Deutschland
›Production Site‹ – Der Podcast über die gesellschaftliche Aushandlung von Migration
In der Episode Die Vorreiterin sprechen der Migrationshistoriker Christoph Rass und die Lateinamerikanistin Catherine Ramírez mit einer Migrationsforscherin der ersten Stunde: Czarina Wilpert. In einer mexikanischen Einwandererfamilie in den USA aufgewachsenen, kam sie Ende der 1960er Jahre der Liebe wegen nach Berlin und prägte mit ihren Forschungsarbeiten ein Feld, das sich damals in Deutschland noch ganz am Anfang befand: die Migrationsforschung. Im Gespräch geht es um ihren Lebens- und Berufsweg, prägende biografische Erfahrungen, ehrenamtliches Engagement im selbsterklärten “Nichteinwanderungsland” Deutschland, Herausforderungen einer eingewanderten Wissenschaftlerin im akademischen System, Chancen und Hoffnungen. Was konnte Czarina Wilpert als Wissenschaftlerin mit eigener Migrationserfahrung sehen, was ihre überwiegend männlichen Kollegen mit einem “purely German gaze” nicht sehen konnten? Was lässt sich aus ihrer Geschichte über die “Produktion von Migration” und reflexive Forschung lernen? Darüber sprechen Christoph Rass und Catherine Ramírez am Ende dieser Episode.
Über die Gästin
Dr. Czarina Wilpert, geborene Huerta, zählt zu den Begründer:innen der Migrationsforschung in Deutschland. Selbst als Kind eines mexikanischen Einwanderers in Los Angeles, USA, aufgewachsen, kam sie Ende der 1960er Jahre nach Berlin. Dort promovierte sie 1980 an der Technischen Universität zur Zukunft der zweiten Generation Eingewanderter. Die zweite Generation, ihre Erwartungen, Zukunftsvorstellungen und Identitätsentwürfe sollten auch in den Folgejahren einer ihrer Forschungsschwerpunkte bleiben. Im Laufe ihres Berufslebens war Wilpert in verschiedenen Positionen sowohl als angestellte als auch freiberufliche Wissenschaftlerin tätig. Sie arbeitete unter anderem am Wissenschaftszentrum Berlin, der TU Berlin und am Bundesinstitut für Berufsbildung und koordinierte große internationale Forschungsvorhaben – beispielsweise in den 1980er Jahren ein Projekt in zwölf europäischen Ländern zu kultureller Identität und Migration, gefördert von der Europäischen Wissenschaftsstiftung. Neben ihrer Forschung zu Migration, Gender, Generationen, ethnischen Ökonomien, Bürgerschaft und Rassismus engagierte sich Czarina Wilpert ehrenamtlich in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen. 1990 war sie Mitgründerin der Initiative Selbstständiger Migrantinnen e.V., welche bis heute unter dem Leitmotiv “Von Immigrantinnen für Immigrantinnen” eingewanderte Frauen bei der Existenzgründung unterstützt. 1996 gründete Czarina Wilpert den Verein Eine Welt der Vielfalt e.V., dessen Vorstandsvorsitzende sie bis 2017 blieb. Der Verein bietet Diversity- und Antidiskriminierungstrainings an. Sie war zudem Gründungs- und Vorstandsmitglied des Deutschen Gründerinnen Forum e.V. und des Vereins AKARSU Gesundheit, Bewegung und Berufsvorbereitung für immigrierte Frauen. Für ihr Engagement für Migrantinnen, Diversität und Antidiskriminierungsarbeit erhielt Czarina Wilpert mehrere Preise, u.a. 2006 den Berliner Frauenpreis und 2024 den Zugabe-Preis der Körber-Stiftung.
Über die Hosts
Prof. Dr. Christoph Rass ist Inhaber der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM), einer Gründungsprofessur des Forschungszentrums Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) (IMIS) der Universität Osnabrück und zugleich eine Eckprofessur des Historischen Seminars (Hist.OS). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die interdisziplinäre reflexive Historische Migrationsforschung und die Gesellschaftsgeschichte von Gewalt und Krieg. Im Sonderforschungsbereich 1604 “Produktion von Migration” leitet er zusammen mit Prof. Dr. Lale Yildirim das Teilprojekt A3 “Ihr seid Gastarbeiterkinder!” Wissenschaft, Schule und die Produktion von Figuren der Migration. Dieses befasst sich mit Begriffen zur Kategorisierung migrantisch gelesener Jugendlicher in schulischen Kontexten und geht dabei unter anderem der Frage nach, mit welcher Wirkung Wissenschaftssprache die Wirklichkeit einer Migrationsgesellschaft kodiert. Mit Catherine Ramírez analysiert er im Rahmen der Forschungsgruppe “Translations of Migration”, wie Begriffe, die Migration beschreiben – etwa “Gastarbeiter” oder “Assimilation” – in unterschiedlichen kulturellen Kontexten übersetzt werden.
Prof. Dr. Catherine S. Ramírez ist Professorin für Lateinamerikanistik und Latino-Studien an der University of California, Santa Cruz. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Einwanderung und Assimilation, historisches Gedächtnis und Vergessen, die Geschichte mexikanisch-amerikanischer Frauen, Stilpolitik sowie Latinxfuturismus. Sie ist Autorin und Herausgeberin mehrerer Bücher, darunter die Monografie Assimilation: An Alternative History (University of California Press, 2020). Darin argumentiert sie, dass Assimilation nicht nur ein Ergebnis von Einwanderung sei, sondern auch Folge verschiedener Ereignisse, etwa der Enteignung indigener Völker, des US-Imperialismus und der Sklaverei. Es handle sich um ein Machtverhältnis, welches die Grenze zwischen ungleichen Gruppen sowie einem Innen und einem Außen verhandle und diese verschwimmen, verschwinden oder verstärken könne.
Literatur
- Ramírez, Catherine (2020): Assimilation. An Alternative History. Berkeley: University of California Press.
- Ramírez, Catherine, Rass, Christoph (2025): Producing Integration: Translation of Non/Belonging in Germany and the United States. History & Theory, 64, Nr. 3, 375-386. https://doi.org/10.1111/hith.12390
- Rass, Christoph (2023): ‘Gastarbeiter’ – ‘Guest Worker’. Translating a Keyword in Migration Politics. IMIS Working Paper 17, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Osnabrück: IMIS. https://doi.org/10.48693/399
- Rass, Christoph, Weise, Julie (2024): Migrating Concepts: The Transatlantic Origins of the Bracero Program, 1919–42, in: American Historical Review, 129/2024, S. 22-52. https://doi.org/10.1093/ahr/rhad500
- Wilpert, Czarina (1980): Die Zukunft der zweiten Generation: Erwartungen und Verhaltensmöglichkeiten ausländischer Kinder. Königstein/Ts.: Hain (Schriften des Wissenschaftszentrums Berlin; Bd. 25).
- Wilpert, Czarina (2013): Identity Issues in the History of the Postwar Migration from Turkey to Germany. German Politics & Society, Jg. 31, Nr. 2 (107), 108-131.
- Wilpert, Czarina, Morokvašić, Mirjana (1983): Bedingungen und Folgen internationaler Migration: Berichte aus Forschungen zu den Migrationsbiographien von Familien, Jugendlichen und ausländischen Arbeiterinnen. Berlin (Soziologische Forschungen 8).
Weiterführende Links
- Podcast von Heridea Migrachiv „Czarina Wilpert, wie hast du Veränderung bewirkt?“ (2022): https://heridea.de/migrachiv-czarina-wilpert-wie-hast-du-veraenderung-bewirkt/
- Video mit Czarina Wilpert anlässlich des Zugabe-Preises der Körber-Stiftung 2024 über die Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e.V.: https://koerber-stiftung.de/projekte/zugabe-preis/2024-czarina-wilpert/
Verwandte Folgen
Zitierhinweis
Rass, Christoph, Ramírez, Catherine (2026, 29. Juni). The Forerunner – Czarina Wilpert and the Beginnings of Migration Research in Germany (Episode 1) [Audio Podcast]. In: Production Site. URL: https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/production-insights/podcast/s01-e01.
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