KlangArt 1995

KlangArt 1995

Im Rahmen der KlangArt stellt der Verein Forum Musik & Elektronik mit finanzieller und organisatorischer Hilfe der Stadt Osnabrück und der Universität Osnabrück jeweils das Programm für den Festival-Teil zusammen. Konzerte, Performances und Open-Air-Aufführungen bilden den Kern des künstlerischen KlangArt-Bereichs.

Der von der Universität Osnabrück ausgetragene wissenschaftliche Kongress widmete sich den kulturellen, künstlerischen, wissenschaftlichen und pädagogischen Folgen und Möglichkeiten der immer wichtigeren Wechselwirkung von Musik und Technik. Schwerpunktthema war die Frage nach der Digitalisierung der Medien und der damit verbundenen denkbaren „Digitalisierung“ der Musikästhetik.

Mittwoch, 07.06.1995

Stadthalle – klangstart
20:00 Uhr
Lydia Kavina (Theremin), Thomas Kessler Ensemble, Marc Ainger / Theresa Jarvis (Woman in a Bath Tub), Vinko Globokar (Posaune), Elisabeth Chojnacka (Cembalo)

Dominikanerkirche – klangnacht I
22:30 Uhr
Hans-Joachim Roedelius & Friends

Donnerstag, 08.06.1995

Planetarium – Stars’n’Bytes
18:00 Uhr
Wolfgang-Martin Stroh / Reinhard Schimmelpfennig: Das MIDI-Planetarium

Stadthalle – Les Haut-Parleurs
20:00 Uhr
Groupe de Recherches Musicales (INA GRM Paris) mit François Bayle, Daniel Teruggi, François Donato, Bernard Parmegiani, Jean Schwarz mit dem Acousmonium

Haus der Jugend – klangnacht II
22:30 Uhr
Aparis

Freitag, 09.06.1995

Haus der Jugend – klangnacht III
20:00 Uhr
Artlive!, Fred Frith & Bob Ostertag

Parkgarage/Stadthaus – Rave In
22:30 Uhr
„The Bassment Experience“ – Tekkno-Party im Parkhaus, DJs & Live Acts

Samstag, 10.06.1995

Rathausplatz – arthouse Rathaus
15:30 Uhr
„Später Schall“ – Multimedia-Performance von Roland Pfrengle, Berlin („musste ausfallen, wird 1996 nachgeholt“)

Schlossgarten – Open Air
17:00 Uhr
Victory of the Better Man, Franck Band, featuring Wolfgang Mitterer, Die Dissidenten

Dominikanerkirche – Access All Areas
21:00 Uhr
Performance, Tapes und Tanz
Helmut Dencker, John Duesenberry, Hans Ulrich Humpert, Christian Banasik, Michael Matthews & Theres Costes, Granulare Synthesen, Henning Berg, Das Blaue Palais & Lightline Showlaser

KlangInstallationen

  • Peter Vogel – Musikalisch-kybernetisches Experiment
  • Nikolaus Heyduck – Bruchstücke für zwölf Lautsprecher
  • Wilhelm Kramer – Die Realien jubilieren
  • Momika von Wedel – klangtafeln
  • Simone Simons / Peter Bosch – Electric Swaying Orchestra
  • Lightline Showlaser – LASER Triangulum (über Osnabrücker Innenstadt)

Kongressvorträge

 

Marc Ainger, Ph.D.
V: Sound Design Paradigms in the Digital Age

abstract:
The introduction of analog electronic technology to music in the middle of the Twentieth Century transformed the art of orchestration from an art of specification to an art of physical creation. Now, at the end of the Twentieth Century, with the use of increasingly powerful digital technologies in music composition, our conception of orchestration has changed entirely. In fact, the term "sound design" is often used in place of the term "orchestration", and orchestration may be viewed as a subset of sound design. The exact definition of the term "sound design" is evasive, however, as it is used to encompass many different (although not necessarily contradictory) notions. This lecture will examine some current sound design paradigms and their manifestations in recent computer music (including both studio composition and live/interaction composition), in an effort to arrive at a generalized understanding of the term.

Jean-Baptiste Barrière, Ph.D., IRCAM, Paris
V: Research, Creation and Education at Ircam

abstract:
After a period dominated by the tumult of experimentation, Ircam's role has been evolving and clarifying, and its tasks have been naturally broadening: to catalyse multi-faceted research from sound analysis, synthesis and processing to aid to composition with computer; to enrich both scientists and musicians through common seminars and projects; to invigorate a permanent center of creativity by opening itself to the international musical community and developing new forms of production projects; to create a broad educational program for composers, musicologists and scientists that functions in synergy with research and production activities; to encourage exchanges of ideas and links between the arts through the development of a Forum that distributes Ircam software, knowledge and experience. The different levels of activity – research, creation and education – are therefore more and more operating in close cooperation. During this talk, today's Ircam structure and projects will be presented.

vita:
Jean-Baptiste Barrière, Ph.D., born in Paris in 1958, is a composer and a researcher. After studies in Music and a PhD in Philosophy, he entered IRCAM in 1981, where he headed the Musical Research Department from 1984 to 1987, and where he is directing the Education Department since 1989 and the Production Department since December 1993.

Dr. Barbara Barthelmes
V: Bricolage und Dekonstruktion

abstract:
Es gibt verschiedene Methoden des Umgangs mit neuen Technologien und der Reflexion über ihren Gebrauch. In diesem Vortrag werden solche Komponisten, Klangplastiker, Videokünstler in den Vordergrund gerückt, die neue musikalische Technologien als kompositorische Werkzeuge benutzen, um die Grenzen unserer Wahrnehmung zu erweitern, um neue Musikinstrumente zu erfinden, um neue musikalische Formen zu entwickeln. Es wird darum gehen, ihre Strategien und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für die Ästhetik zu diskutieren.

vita:
Barbara Barthelmes, Dr., geb. in Kingswalden (GB); Studium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Würzburg und der TU Berlin; 1985–1990 wiss. Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin; 1991 Promotion in Musikwissenschaft an der TU Berlin (Thema: Raum und Klang. Das musikalische und theoretische Schaffen Ivan Wyschnegradskys); 1991–92 Forschungsstipendium in Paris, unterstützt vom DAAD und dem Maison de Science de l’Homme; 1992–94 wiss. Angestellte an der Universität Bielefeld; Mitherausgeberin der Zeitschrift „Musica“; redaktionelle Mitarbeit an der Zeitschrift „Positionen“.

Henning Berg
S: Improvisieren mit einer Maschine – Risiken und Nebenwirkungen

abstract:
Ich werde über Erfahrungen beim Programmieren und Musizieren mit TANGO berichten. Mit Hilfe von Beispielen aus Konzertmitschnitten wird es u.a. um folgende Fragen gehen: Wie findet man Regeln, die das Programm zu sinnvollen musikalischen Reaktionen befähigen? Was muß das Programm dafür leisten können? Wie zufällig – oder vordefiniert – soll/darf das musikalische Endprodukt, auch in Hinblick auf eine zeitlich begrenzte Konzertsituation sein? Wo liegen Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten zwischen Verabredungen mit einem menschlichen Duopartner und (Software-)Schaltern, die man an der Maschine anbringt. „Spielt“ man das Programm (wie ein Instrument) oder „begegnet“ man ihm musikalisch?

vita:
Henning Berg, Jahrgang 1954, Jazz-Posaunist der WDR-Big-Band sowie in anderen Gruppen, ständige Zusammenarbeit mit führenden europäischen und amerikanischen Komponisten, Arrangeuren und Solisten. Neben der Arbeit als Jazzmusiker schreibt und produziert er elektronische Musik, unter anderem für den WDR verschiedene Filmmusiken und mehrere Duoprojekte mit Bob Brookmeyer und John Taylor. Die Idee, Duo-Erfahrungen auf eine Situation zu übertragen, in der ein Mensch und eine Maschine im Duo improvisieren, war die Motivation, programmieren zu lernen und das Computerprogramm TANGO zu schreiben. Es wurde inzwischen von einem großen Softwarehaus veröffentlicht.

Prof. Peter Bienert
V: Die multimediale Zukunft von Audio

abstract:
Vor dem Hintergrund einer eingehenden Analyse der heutigen Situation und zukünftiger Zielsetzungen einer multimedialen und interaktiven Umgebung sollen die technischen Möglichkeiten ebenso wie Chancen und Risiken für die Musik in diesem Umfeld untersucht werden. Schwerpunkte sind die interaktive Form von Musik, deren Produktion und Verbreitung sowie neue Angebotsformen aus Musik und Begleitinhalten in DAB und CD-ROM.

vita:
Peter Bienert, Dipl.-Phys., geb. 22.2.61, Studium der Technischen Physik an der TU München, Diplom zur digitalen Simulation von Saiteninstrumenten; Product Manager für Synclavier bis 1989, zahlreiche Publikationen im Bereich der digitalen Audiotechnik; Mitbegründer und langjähriger Geschäftsführer der David GmbH München; Gesellschafter bei fritsch+friends media production, Berlin, und Whoopee-Media GmbH München. Seit 1994 Prof. für Medientechnik an der FH Wiesbaden.

Prof. Dr. Leo Danilenko
V: Künftige Verteilsysteme für digitale Audiodaten

abstract:
– Die Übertragung von produzierter Musik in modernen Rundfunksystemen
– Die Kosten-Nutzen-Abwägung im Hinblick auf neue rezeptionsbezogene Codierungsalgorithmen (u.a. Fragen der Datenreduktion)
– Die erforderliche Klangqualität der Sendebeiträge und ihrer Übermittlung
– Aspekte des Transferprotokolls: vom Modem zum ATM (Asynchronous Transmission Mode = asynchroner Übertragungsmodus) in B-ISDN (Breitband-ISDN)
– Das physikalische Transportmedium: vom Kupferdraht zum Glasfaserkabel
– Die drahtlose Datenübertragung: von der Dachantenne zur Satellitenschüssel
– Das digitale Radio (DAB, Digital Audio Broadcasting) als selbstverständliches Zukunftsmedium für alle

vita:
Leo Danilenko, Prof. Dr., studierte von 1953 bis 1959 Elektrotechnik in Lwiw (Lemberg), Ukraine, früher USSR. Er setzte seine Studien an der TU Aachen fort, wo er 1963 die Ingenieurprüfung abschloß und 1968 zum Dr.-Ing. promovierte. Seit 1963 ist er beim WDR Köln beschäftigt, zunächst als Planungsingenieur für Studioakustik, später als Leiter der Abteilung für Systementwicklung und neue Technologie. Seit 1968 ist er stellvertretender technischer Direktor des WDR und Dozent für Musiktechnologie an der Universität zu Köln im Musikwissenschaftlichen Institut. Er schrieb zahlreiche Fachbeiträge. 1993 wurde er von der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln zum Honorarprofessor ernannt.

Ass. Prof. Dr. Giovanni De Poli
V: Physics Based Sound Models for Multimedia

abstract:
Among the criteria used for sound models evaluation, we outline audio quality, versatility, and responsiveness to user’s expectations. In this respect, modeling the sound source instead of the sound signal is a better choice, especially in multimedia applications, where model flexibility for man–machine interaction is a major issue. A class of computational structures is presented, allowing a high-level description of sounding objects and, possibly, a unification with graphic models. Special focus is put on generality of the proposed algorithms, rather than fidelity to specific instruments.

vita:
Giovanni De Poli is an associate professor of Computer Science at the Department of Electronics and Informatics of the University of Padua, Italy. He received a degree in Electronic Engineering from the University of Padua. His research interests are in algorithms for sound synthesis, representation of musical information and knowledge, and man–machine interaction. He is coeditor of the book Representations of Music Signals. MIT Press, 1991.

Dr. Gerhard Eckel
V: Klangsynthese durch physikalische Modellierung

abstract:
Zu den klassischen Methoden der Klangsynthese gesellten sich in den letzten Jahren vermehrt auf physikalischen Modellen basierende Techniken. Damit stehen den Komponisten heute prinzipiell zwei verschiedene Möglichkeiten der Konstruktion synthetischer Klänge zur Verfügung: Einerseits kann das gewünschte Resultat durch Beschreibung seiner perzeptiven Eigenschaften hervorgebracht werden oder andererseits durch Simulation des auf physikalischen Gesetzen basierenden Prozesses, der den Klang hervorbringt. In meinem Beitrag werde ich diese beiden Möglichkeiten in Hinblick auf ihre verschiedenen Auswirkungen auf die musikalische Klangvorstellung und das Entwicklungspotential des synthetischen Klangmaterials im musikalischen Diskurs untersuchen.

vita:
Gerhard Eckel, Dr., geboren 1962 in Wien, Studium der Musikwissenschaft an der Universität Wien sowie Elektroakustische Musik und Tontechnik an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien; 1985 Aufenthalt am Institut für Sonologie der Universität Utrecht in Holland und 1987 am IRCAM in Paris; seit 1989 ständiger Mitarbeiter des IRCAM, dort Forschungstätigkeit in den Bereichen computerunterstützte Komposition, Klangsynthese und musikalische Repräsentation; 1993 Aufenthalt am ZKM Karlsruhe; neben wissenschaftlichen Aktivitäten auch als Komponist tätig: Der Zufall geht (Tonbandkomposition, Wien 1986), Dispersion (Live-Elektronik, Wien 1989), en face (Klanginstallation, Hamburg 1993).

Prof. Dr. Bernd Enders
V: Besonderheiten der Erstellung von Musiktutorials und Multimedia-Applikationen mit der Autorensprache CAMI-Talk

abstract:
Für interaktive Lehr-/Lernprogramme, die zum Erlernen musikspezifischer Fertigkeiten und Fähigkeiten dienen sollen, reichen die üblichen Funktionen der Klangausgabe von Multimedia-Anwendungen über Sound-Aufrufe und MIDI keinesfalls aus. Z.B. müssen auch musikalische Eingaben auf einem MIDI-Instrument unterstützt und mit Hilfe geeigneter Algorithmen, Regeln und Wissensbasen möglichst hilfreich für den Lernenden analysiert und sinnvoll für den Lernfortschritt ausgewertet werden. Die an der Universität Osnabrück entwickelte Autorensprache CAMI-Talk, mit der u.a. Gehörbildungsprogramme realisiert wurden, enthält neben den üblichen Funktionen eines für Multimedia-Programmierung geeigneten Systems musikspezifische Funktionen, u.a. einen integrierten Notencode, der u.a. eine syntaktisch korrekte Verwaltung von Noten bis hin zur Notenausgabe ermöglicht.

vita:
Bernd Enders, Prof. Dr., geb. 1947, Studium an der PH Westfalen-Lippe, Abt. Siegerland, und an der Musikhochschule Köln; 1980 Promotion an der Universität zu Köln in Musikwissenschaft, Philosophie und Pädagogik; anschließend Studienrat. Seit 1981 Dozent (Akad. Rat / Oberrat / Apl. Prof.) im Fachgebiet Musik/Musikwissenschaft an der Universität Osnabrück; Habilitation 1986. Von 1992 bis 1994 Prof. im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln (Musik im 20. Jh.), seit 1994 Prof. für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Osnabrück, Schwerpunkt „Musikelektronik / Musikalische Informatik“. Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge und Rundfunksendungen. Leiter des CAMI-Projekts und Initiator der Osnabrücker Musikveranstaltung KlangArt.

Prof. Dr. Jobst P. Fricke
V: Musik: analog – digital – analog. Digitalisierung und Begrifflichkeit als Norm in einer scheinbar analogen Welt

abstract:
Die Datenautobahnen werden die Reise in die Informationsgesellschaft beschleunigen. Der Fortschritt der Technik hat seine eigene Dynamik; noch kleiner, noch schneller, noch vielseitiger heißt hier die Devise. Multimedia ist da, Virtual Reality wird kommen, die Dezentralisierung des Konzerts wird möglich. Wird sie gewünscht? Was geht verloren?

Zunächst werden wir auf die zirkulären Strukturen, die Rückkopplung verzichten müssen. Der Mensch, normgebend und normgebunden zugleich – in seiner Funktion, ständig Normierungen vorzunehmen, dabei selbst eingebunden in ein kulturelles Nomensystem – hat sich selbst seine Welt längst digitalisiert, lange bevor es Computer gab. Er nutzt seine eigenen Möglichkeiten, evolutionsbedingt, weltangepasst, wie er ist – oder auch nicht. Er erlebt seine eigenen Impulse, möchte selbst etwas in die Hand nehmen, etwas gestalten. Es ist schwer für ihn, die Waage zu halten zwischen Individualisierung und sozialer Anpassung.

Mehr noch als die Statistik, die in viele wissenschaftliche Disziplinen Einzug hielt und dadurch Verbindungen zwischen den verschiedenen Wissenschaftszweigen herstellte, führte die Digitalisierung zu einem Umdenken in allen Wissenschaftsgebieten. Das war der Paradigmenwechsel – stellte man doch fest, daß die kognitiven Strukturen des Menschen selbst auf die Polarisierung „analog – digital“ hin angelegt sind. Dies gilt auch im Bereich der Musik für das Hören, Interpretieren und Komponieren. So wird die Digitalisierung auf zwei Ebenen zu betrachten sein, auf der neuronalen und technischen sowie auf der begrifflich-kognitiven. In jedem Falle aber steht der Mensch im Mittelpunkt.

vita:
Jobst Peter Fricke, Prof. Dr., studierte Musikwissenschaft, Physik und Psychologie an den Universitäten in Göttingen, Berlin und Köln, wurde 1959 in Köln promoviert und anschließend mit dem Aufbau der Abteilung „Musikalische Akustik“ im Musikwissenschaftlichen Institut betraut, deren Leiter er 1970 wurde. 1969 habilitierte er sich mit einer Arbeit über „Intonation und musikalisches Hören“. Seit 1969 regelmäßige Lehrtätigkeit an der Universität zu Köln, seit 1972 auch an der Hochschule für Musik in Köln, über Themen der Akustik und Musikpsychologie mit den Schwerpunkten Erforschung der Klangeigenschaften der Musikinstrumente und ihrer Anwendung in Klangsynthese und Aufnahmetechnik, Musikkommunikation und Grammatik der Musik. Spezialisierung auf die systemischen Zusammenhänge zwischen akustischen, psychologischen und kulturellen Faktoren in der Musikentwicklung und die dadurch gegebenen Möglichkeiten des Verstehens von Musik.

Prof. Dr. Rudolf Frisius
V: CONCERT IMAGINAIRE. Neue Entwicklungen in der Musik des 20. Jahrhunderts: die Lautsprechermusik

abstract:
Besonders in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ist deutlich geworden, daß die Musikentwicklung entscheidend von den Innovationen der technisch produzierten Musik geprägt wurde – wesentlich stärker als von der Krise der überlieferten Tonalität, die die Musikentwicklung der ersten Jahrhunderthälfte maßgeblich beeinflußt hat. Der Übergang von der technischen Reproduktion zur technischen Produktion hat einer neuartigen Hörkunst den Weg geöffnet, deren Produktions- und Rezeptionsbedingungen sich grundlegend von denen traditioneller Musik und ihrer Nachbarkünste unterscheiden – und überdies mit der (aus technischen Sachzwängen resultierenden) Phasenverschiebung etwa eines halben Jahrhunderts sich ähnlich verändert haben wie die Sehwahrnehmung unter dem Einfluß der Fotografie und des Films, später auch des Fernsehens.

Sowohl die Vergleichbarkeit als auch die asynchronen Entwicklungen der technisch geprägten Seh- und Hörkünste, ihrer Kontraste, Affinitäten, Zwischen- und Integrationsformen werden – besonders für den Musiker und Musikinteressierten – am deutlichsten dann, wenn er die Probleme der technisch produzierten Musik als Zentralprobleme der aktuellen Musikentwicklung und des Musiklebens der Gegenwart begreift.

S: Elektroakustische Musik aus sechs Jahrzehnten

abstract:
– Musik als Medienkunst: Musik und Hörspiel – Hörfilm – Akustische Kunst
– Musik aus technisch (re-)produzierten Geräuschen
– „Unsichtbare Musik“ mit Stimmen
– Musik über Musik – Musik zweiten Grades
– Technisch verarbeitete Klänge – synthetisch erzeugte neue Klangwelten
– Vorproduzierte Klänge – live erzeugte Klänge
– Neue Klänge – Zusammenhang zwischen Klang und Bedeutung

vita:
Rudolf Frisius, Prof. Dr., geb. 1941. Studium in Hamburg, Frankfurt, Göttingen (Musikwissenschaft, Mathematik, Philosophie, Kunstgeschichte). Lehrtätigkeit in Oldenburg (1969–1972) und Karlsruhe (seit 1972). Arbeitsschwerpunkte: Musiktheorie, Musikpädagogik, Neue Musik (insbesondere elektroakustische Musik inkl. Neues Hörspiel). Veröffentlichungen u.a. über Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, György Ligeti, Pierre Henry sowie über Musiktheorie und Musikpädagogik. Zahlreiche Rundfunksendungen. Lehr- und Vortragstätigkeit u.a. in Darmstadt, Aix-en-Provence, Salzburg, Delphi, Kalkutta, Seoul, Kyoto.

Dr. Bram Götjen
V: Musik am Ohr – Anmerkungen zur Klangaufnahme von Musikinstrumenten

abstract:
Klangaufnahmen von Musikinstrumenten, die – etwa in Multimediaanwendungen – beispielhaft und möglichst originalgetreu klingen sollen, müssen das Klangbild der Musiker berücksichtigen, das diese während ihres Instrumentalspiels haben. Hierdurch wird gewährleistet, daß Klänge aufgenommen werden, die unabhängig von der Akustik des Aufnahmeraums und maximal charakteristisch sind. Dem diesbezüglichen Höreindruck lassen sich bestimmte akustische Merkmale in den jeweiligen Klangspektren zuordnen.

vita:
Bram Götjen, Dr., geb. 1959 in Bremen, studierte in Köln Musikwissenschaft, Phonetik und Psychologie. Von Ende 1987 bis Ende 1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Musikwissenschaftlichen Institut in der Abteilung Musikalische Akustik. 1992 Promotion, Thema der Dissertation: „Untersuchungen zur Akustik des Cembalos“. Veröffentlichungen zur Akustik der besaiteten Tasteninstrumente, zur Aufnahmetechnik sowie zur Akustik der Blasinstrumente.

Dr. Han Baoqiang
V: Traditional and Modern: Chinese Electronic Music

abstract:
The lecture will focus on the following parts:

  1. The characteristics of Chinese electronic music

  2. The influence of electronic music on today’s Chinese music

  3. The hardware and software used by today’s Chinese musicians
    (with sound examples to show several Chinese musicians’ works)

S: Chinese Musical Instruments Data Base

abstract:
There are 56 nationalities in China. Everyone has its characteristic musical instruments. All of them are more than 1000 types, but the number is decreasing now because of negative factors coming from industrialization and modern cultures. The database is intended to save and preserve Chinese musical resources by using multimedia information techniques, i.e. combining various media such as sound, photos, video cassette and background texts into a computer CD-ROM. This database will be very useful to study and enjoy Chinese music for both professionals and music lovers from all countries.

vita:
Han Baoqiang, Dr., born 1956, studied 1978–1984 at the Tianjin Conservatory of Music and received a BA degree in music composition and ethnomusicology; 1986–1989 studied at the Graduate School of Nanjing University and the Chinese Academy of Art and received a Ph.D. degree in musicology. Currently working as a researcher in the A/V Technical Lab of the Music Institute of China. 1995 guest scientist at the University of Osnabrück, Germany.

Iris Hüne, cand. phil.
V: Interindividuelle Hörversuche zu den Intonationsunterschieden historischer Stimmungssysteme – mit der digitalen Konzertorgel (Ahlborn – BAC)

abstract:
Der jahrhundertealte Streit um die richtige Intonation von Tonsystemen flammt heute in der Diskussion um die Aufführungspraxis alter Musik wieder neu auf. Wann bevorzugen Menschen welche Stimmung, können sie überhaupt die feinen Intonationsunterschiede ausmachen oder werden diese aufgrund des hörpsychologischen Phänomens „Zurechthören“ gar nicht bemerkt?

Hörversuche zur Unterscheidbarkeit der Stimmungssysteme „pythagoreisch“, „mitteltönig“, „natürlich-harmonisch“ und „gleichstufig-temperiert“ werden mit Hilfe der sofort in beliebige Intonationen umstimmbaren Computerorgel vorgestellt und diskutiert. Dabei zeigt sich, daß Versuchspersonen im musikalischen Kontext Schwierigkeiten haben, „reine“ und temperierte Intervalle zu unterscheiden.

vita:
Iris Hüne, geb. 1963, Studium an der Universität Osnabrück, 1. und 2. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien für die Fächer Musik und Mathematik; Doktorandenstipendium der Friedrich-Naumann-Stiftung zur musikpsychologischen Forschung im Bereich der rhythmischen Wahrnehmung; z. Zt. im Schuldienst tätig.

Prof. Hans Ulrich Humpert
V: Sprachkomposition – Eine Gattung innerhalb der elektronischen Musik

abstract:
Sprachkomposition gehorcht den Normen der Literatur und/oder der Musik, die unter dem Gesichtspunkt des beiden Sphären angehörenden Klangmaterials in neue Beziehungen zueinander treten. Frühe Beispiele einer nichtsemantischen Sprachtransformation finden sich in den sog. Lautgedichten. Eine andere Möglichkeit der Sprachkomposition besteht darin, aus dem Sprachkontinuum eine Art imaginärer Semantik entstehen zu lassen, die nicht logischen, sondern poetischen Charakter hat (Vorbild: J. Joyce). Darüber hinaus vollzieht sich eine entscheidende Entwicklung mit der „Entdeckung“ der aus dem Spektrum des gesprochenen Wortes nur auf elektronischem Wege realisierbaren Sprachklänge, die (ab etwa 1960) als bisher in der Musik unbekanntes Klangmaterial sich aufgrund ihrer „Verschlüsselung“ und „Atomisierung“ in einer neuen, akustisch-phonetischen Ordnung organisieren und komponieren lassen.

vita:
Hans-Ulrich Humpert, Prof., geb. 1940, studierte nach dem Abitur Komposition bei Rudolf Petzold und elektronische Komposition bei Herbert Eimert in Köln, daneben Schlagzeug bei Christoph Caskel sowie Schulmusik, dazu an der Universität zu Köln Germanistik. Bis 1968 Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes; danach freie Tätigkeit als Schlagzeuger und Lehrbeauftragter für elektronische Musik; 1971 Förderpreis der Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises „in Anerkennung des kompositorischen Schaffens, insbesondere hinsichtlich der Verbindung von elektronischen, instrumentalen und vokalen Klängen“. Seit 1972 Leiter des Studios für elektronische Musik als Nachfolger Herbert Eimerts an der Hochschule für Musik Köln und Professor für elektronische Komposition. Umfangreiche kompositorische, praktische und theoretische Tätigkeit auf dem Gebiet der elektronischen sowie der live-elektronischen Musik.

Prof. Dr. Wilfried Jentzsch
S: Graphik und Klang. Produktionen des Studios für Elektronische Musik der Musikhochschule Dresden unter besonderer Berücksichtigung der Eigenentwicklung eines Grafik-Kompositionsprogramms für den MAC

abstract:
Vorgestellt wird die erste Stufe der Entwicklung eines Grafik-Kompositionsprogramms, das derzeit im Elektronischen Studio der Musikhochschule Dresden entwickelt wird. Es handelt sich hierbei um ein Programm für experimentell-elektronische Klanggestaltung, das auf der Umsetzung von Graphiken in Klang basiert. Die Konzeption der Software (für Macintosh) wird in kritischer Auseinandersetzung mit kommerziellen Graphikprogrammen erläutert. Probleme der Gestaltung, der Ästhetik und der Musikpädagogik werden in diesem synästhetischen Bereich behandelt. Beispiele werden als Video präsentiert.

vita:
Wilfried Jentzsch, Prof. Dr., geb. 1941 in Dresden, studierte dort an der Musikhochschule Violoncello und Komposition; an der Akademie der Künste Berlin war er Meisterschüler bei R. Wagner-Regeny; an der Musikhochschule Köln folgte ein Studium der Elektronischen Musik bei H. U. Humpert. Von 1976 bis 1981 studierte er an der Sorbonne in Paris bei Iannis Xenakis, wo er den Doktortitel im Bereich Musikästhetik erwarb. Gleichzeitig betrieb er Forschungen zur digitalen Klangsynthese an den Instituten IRCAM und CEMAMU. 1983 gründete er ein privates Computermusikstudio in Nürnberg, wo er am Meistersinger-Konservatorium unterrichtete. 1993 wurde er zum Leiter des Elektronischen Studios der Musikhochschule „Carl-Maria-von-Weber“ in Dresden berufen. Als Komponist ist er auf Festivals in Europa, Amerika, Kanada und Japan vertreten. Er erhielt internationale Kompositionspreise: Boswil ’72 (Schweiz), Art & Informatique Paris ’81, Bourges ’91.

Thomas Kessler
S: Live-elektronische Steuerung klanglicher und musikalischer Prozesse (MARS-Workstation v. G. Di Giugno)

abstract:
Die neuesten DSP-Workstations geben dem Musiker fast uneingeschränkte Möglichkeiten von elektronischen Klangverarbeitungen sowohl im Studio wie auch in Live-Konzerten. Nicht Factory-Presets, sondern offene Programmierbarkeit und freie Definition machen ein solches System zum interessanten neuen Musikinstrument des ausgehenden Jahrtausends. Am Beispiel der MARS-Workstation werden einige interessante Echtzeit-Klangverarbeitungen gezeigt: Live-Sampling, Synthese, Filter, Vocoder, Physical-Modeling etc.

vita:
Thomas Kessler, geb. 1937 in Zürich. Nach germanistischen und romanischen Studien an den Universitäten Zürich und Paris folgten Musikstudien in Berlin. Schon 1965 gründete er dort ein eigenes Studio für elektronische Musik. Später wurde er Leiter des Centre Universitaire International de Formation et de Recherche Dramatiques in Nancy. Seit 1973 wirkt er als Lehrer für Theorie und Komposition an der Musik-Akademie Basel, wo er 1988 das Studio für elektronische Musik gründete. Kessler komponiert Instrumentalmusik von der kammermusikalischen Besetzung bis hin zum Orchesterwerk. Die vielfach eingesetzten elektronischen Mittel (Tonband, Synthesizer, Computer) sind seit 1973 immer mehr als Erweiterung der instrumentalen Möglichkeiten in Form einer Live- oder Instrumentalelektronik komponiert, die vom Interpreten selbst gleichzeitig gesteuert und gespielt wird.

Prof. Dr. Leigh Landy
V: Digital Music Technology Can Aid in Bringing Music Back as a Part of Life

abstract:
After an initial period where most music technology was developed for serious electronic music (“E-Musik”), the pendulum swayed to the other extreme where most developments concerned a mass market. Today, after some 35 years of computer music, the time has come to reappraise. The hypothesis of this talk is: in the early 21st century, music will shift from primarily being a consumer product to an increase of performative activity open to all, i.e. music-making should become more central to our daily lives. Digital technology, combined with various developments in all forms of contemporary music, can help facilitate more people’s involvement and therefore appreciation of these musics.

vita:
Leigh Landy is Professor and Head of Music at Bretton Hall, College of the University of Leeds (UK). His electroacoustic compositions, many of them involving other time-based arts, have been performed internationally, in recent years most often in the duo La Zététique (on the Erasmus CD label). Currently he is artistic director of the recently formed Experimental Sound Theatre Company called I D X (idée fixe). Most of his writings, including his book Experimental Music Notebooks (Harwood Academic Publishers, 1994), concern the subject of contemporary music and its dispersion, some emphasizing audio-visual collaborations.

Dipl.-Inform. Peter Joachim Langnickel / Dipl.-Inform. Johannes Feulner
V: Informationsstrukturen in der Musik. Analyse und Modellierung mit Methoden der Informatik an der Universität Karlsruhe

abstract:
An der Informatikfakultät der Universität Karlsruhe existiert seit 1988 ein Forschungsbereich, der sich mit dem oben genannten Thema befaßt. Im Zentrum steht dabei die Analyse und Modellierung von Kompositionsstrukturen klassischer Musik mit Hilfe von regelbasierten und neuro-informatischen Methoden. In dieser Kombination läßt sich die Tauglichkeit konzeptioneller Mittel der Informatik gut erkunden. Ein Schwerpunkt bisheriger Forschung bildete die automatische Harmonisierung von Choralmelodien. Daraus entstanden zwei Systeme, ein regelbasiertes für den barocken Kantionalsatzstil und ein neuronales für den Bach-Stil, die vorgestellt und miteinander verglichen werden.

vitae:
Joachim Langnickel studierte Informatik an der Universität Karlsruhe und ist dort seit 1992 als wiss. Mitarbeiter im Forschungsbereich Informationsstrukturen in der Musik tätig. 1992 begann er als Ergänzung zu diesem Gebiet ein Zweitstudium der Musikwissenschaft. Seit 1994 studiert er das Fach Chorleitung im Rahmen eines zweijährigen Kurses des Badischen Sängerbundes und ist im Raum Karlsruhe als Chorleiter tätig.

Johannes Feulner studierte Informatik und Musik in Karlsruhe und an der Rutgers University, NJ, USA. Seit 1990 ist er wiss. Mitarbeiter in den Forschungsbereichen Neuronale Netze und Informationsstrukturen in der Musik an der Universität Karlsruhe. Dem Studium der Musikerziehung folgte 1994 der Abschluß der künstlerischen Ausbildung im Hauptfach Orgel an der Musikhochschule Karlsruhe.

PD Dr. Niels Knolle / Axel Weidenfeld
V: „Unplugged“ – Stationen der Produktion, Distribution und Rezeption von Musik unter dem Einfluß von Technik

abstract:
Wo neue Technologien in den Zusammenhang einer musikalischen Praxis eintreten, tun sie das nicht als „Werkzeuge“, die für die Sache selbst folgenlos bleiben. Vielmehr verändern sich die ästhetischen Qualitäten der Musik, das Verhältnis von Komposition und Interpretation und die Beziehungen zwischen produzierenden und reproduzierenden Musikern und ihrem Publikum von Grund auf. Der Vortrag reflektiert die Durchdringung von künstlerischer Tätigkeit und technischen Mitteln der Produktion, Distribution und Rezeption von Musik und ihre ästhetischen Konsequenzen am Beispiel von drei Stationen: der Veränderungen des für die Kunstmusik des 19. Jahrhunderts gültigen Paradigmas der Interpretation von Notentexten unter dem Einfluß der Technologie der Schallaufzeichnung, der bereits realisierten und der prognostizierbaren Konsequenzen der virtuellen Editierbarkeit aller klanglichen Parameter am Computer und schließlich einiger aktueller Tendenzen einer Distanzierung von den Möglichkeiten digitaler Technologie mit dem Ziel einer Wiederbelebung des „akustischen“ Musizierens und der Erlebnisqualität des „Live“-Ereignisses.

vitae:
Niels Knolle, Priv.-Doz. Dr., Schulmusik-Studium in Hamburg von 1966 bis 1970 bei H. Rauhe. Zwei Jahre als Planer in der Forschungsgruppe „Gesamtschule“ an der PH Dortmund mit dem Arbeitsschwerpunkt Entwicklung von Curricula Sek. I für das Unterrichtsfeld Populäre Musik. Bis zur Promotion 1979 Assistent im Fachgebiet Musik/AK der Universität Oldenburg, u.a. Entwicklung des Einphasigen Studiengangs Musik sowie Konzeption und Aufbau des Apparativen Studienbereichs. Seit 1979 Akademischer Rat an der Universität Oldenburg im Ausbildungsbereich Apparative Musikpraxis. Arbeitsschwerpunkte bzw. Publikationen zu den Themen: Didaktik der Populären Musik, Produktionen im Schnittfeld von Neuer Musik und Tonbandmusik (Hörspiel, Experimentelle Musik, MIDI-Recording etc.), Untersuchungen zur Verwendung Neuer Technologien in der Musikausbildung. Seit 1985 künstlerische Mitwirkung in Ensembles (E-WERK, artLive) mit Konzerten experimenteller akustischer und elektronischer Musik.

Axel Weidenfeld, geb. 1957 in Bremen. Instrumentallehrer- und Solistenausbildung für Gitarre an den Musikhochschulen Bremen und Wien; Studium der Musikwissenschaft und Philosophie an der Universität Hamburg. Lehrt an der Universität Oldenburg in den Schwerpunkten Instrumentalunterricht, Historische Musikpraxis, Musikgeschichte und Musiktheorie. Seine Konzerttätigkeit als Solist und in verschiedenen Ensembles umfaßt das Spektrum der Zupfinstrumente von historischen Lauten bis zur Elektro- und MIDI-Gitarre; die stilistische Breite reicht von der frühesten überlieferten Lautenmusik um das Jahr 1500 bis zu experimenteller improvisierter Musik (artLive). Veröffentlichungen zur Musikgeschichte und Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts.

Dr. Michael Matthews
V: Electroacoustic Music in Canada: Current Trends

abstract:
Canadian composers have been active for many years in the creation of electroacoustic music. In my presentation I will introduce the works of selected composers and provide background on some of the studios which are currently active in different regions of the country.

vita:
Composer Michael Matthews was born in Gander, Newfoundland. His composition studies were with Aurelio de la Vega in California and Larry Austin at North Texas State University, where he received the Ph.D. degree. In 1994 he was the first Canadian to receive a commission from the International Computer Music Association. He has also received the Winnipeg Rh Institute Award for interdisciplinary research, a residency at the EMS studios in Stockholm, and a prize in the Premio Musicale Città di Trieste, Italy, for his orchestral piece The Wind Was Here. His orchestral piece Between the Wings of the Earth has been released on BIS Records (Sweden), recorded by the Manitoba Chamber Orchestra. Other works have been recorded by Centaur (USA) and the CMC and NMM labels (Canada). Matthews has worked at the Banff Centre and at the Center for Computer Research in Music and Acoustics at Stanford University. He is Professor of Composition and Co-Director of the Computer Music Studio and the Manitoba Institute for Music Technology at the University of Manitoba.

Dr. habil. Guerino Mazzola
V: Towards Big Science. Geometric Logic of Music and Its Technology (ev. in deutscher Sprache)

abstract:
Based on modern information technology, mathematics and semiotics, musicology has fundamentally changed. As a theoretical basis of this change, mathematical music theory offers precise models to describe local and global musicological facts. It resides on the mathematical Yoneda paradigm: objects are classified by “variation of perspectives”.

Operationalization of the theory is an integral part of this renewal. This is illustrated by the composition, analysis and performance applications PRESTO and RUBATO.

Representations and control of its inhomogeneous and semantically open data make music a prototypical research subject asking for Big Science in the Humanities.

vita:
Guerino Mazzola, Dr. habil., is university lecturer in mathematics, jazz pianist and research director of the ongoing SNFS project RUBATO at the computer department of Zurich University. He has published several LPs and CDs, over 40 papers and several books on mathematics, mathematical music theory, brain research and computer-aided analysis in the humanities.

Prof. Dr. Helga de la Motte-Haber
V: Der Traum von der medialen Übersetzbarkeit

abstract:
Durch die Digitalisierung von Informationen ist es möglich geworden, Daten von einem Bereich in einen anderen zu übersetzen. So können durch musikalische Vorgänge visuelle transformiert oder aus gleichen Programmen sowohl Hörbares als auch Sichtbares generiert werden.

Die Idee einer Kunstsynthese, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Künstler beschäftigte, ist heute technisch perfekt einzulösen. Es sollen gegenwärtige künstlerische Formen erörtert und zugleich in einen historischen Kontext eingeordnet werden.

vita:
Helga de la Motte-Haber, Prof. Dr., geb. 1938 in Ludwigshafen am Rhein, Studium der Psychologie mit dem Diplomabschluß 1961, anschließend Studium der Musikwissenschaft in Hamburg, 1967 Promotion mit dem Hauptfach Musikwissenschaft; 1965–1972 Freie Mitarbeiterin am Staatlichen Institut für Musikforschung in Berlin, ab 1969 auch Lehrbeauftragte an der Technischen Universität Berlin, 1971 Habilitation für das Lehrgebiet Systematische Musikwissenschaft an der TU Berlin; 1972–1978 Wissenschaftlicher Rat und Professorin an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abt. Köln, seit 1978 Professorin an der Technischen Universität Berlin. Zahlreiche Publikationen vor allem zu musikpsychologischen Themenbereichen, u.a. Musikpsychologie, Köln 1971, Handbuch der Musikpsychologie, Laaber 1981.

Prof. Dr. Renate Müller
Neue Forschungstechnologie: Der klingende Fragebogen auf dem Multimedia-Computer

abstract:
Computer Aided Interviewing, Klingender Fragebogen, ist ein Befragungsinstrument im Rahmen musiksoziologischer und musikpädagogischer Forschung. Ein Multimedia-Fragebogen-Generator, der Fragebögen auf dem Computer erzeugt, wurde entwickelt. Der Klingende Fragebogen präsentiert den Befragten Text, Bilder, Animation, Musik und reagiert interaktiv. Er bietet den Befragten verschiedene Wahlmöglichkeiten an; so kann er tatsächliches ästhetisches Entscheidungsverhalten erfassen. Verbale, klingende, situative und offenbarte Präferenzen werden erhoben und verglichen. Im Forschungsprojekt Musikalische Sozialisation und Identität wird das Instrument erstmalig eingesetzt.

vita:
Renate Müller, Prof. Dr., Jahrgang 1948; Studium an der Universität Hamburg: Erziehungswissenschaft und Soziologie; Promotion 1990 in Musikpädagogik. Ab 1979 Studienrätin, vorwiegend Musik, an einer Grund-, Haupt- und Realschule; Mitglied im Lehrplanausschuß Musik in Hamburg. 1986/87 Stipendium der University of Southern California, Los Angeles, als Teaching Assistant. Seit 1991 Professorin für Erziehungs- und Kultursoziologie, PH Ludwigsburg. Schwerpunkte: sozialwissenschaftliche Theorien zur Erforschung, Erklärung und Gestaltung musikalischen Handelns; Theorie des sozialen Gebrauchs von Musik; Tanzerziehungskonzept Rock- und Poptanz im Musikunterricht; Musik- und Jugendsoziologie.

Dr. Thomas Münch
V: 24 Stunden in 3 Minuten – Computergestützte Musikprogrammerstellung für das Radio der 90er Jahre

abstract:
Vor wenigen Jahren stellten noch in jedem Sender eine Vielzahl von Redakteuren in Handarbeit die Musik zu „unendlichen Klangteppichen“ zusammen. Computerprogramme sollen sie jetzt fast überall weitgehend ersetzen. Eine Frau bzw. ein Mann und eine Maschine: das Tagesprogramm in drei Minuten auf Knopfdruck – das ist der Traum nicht weniger Programmverantwortlicher.

Was tatsächlich die verschiedenen Programme leisten und wie sie sinnvoll in den Rundfunkalltag eingebunden werden können, wird in diesem Beitrag diskutiert. Dabei wird zugleich deutlich gemacht, wie die Einführung einer neuen Technologie als willkommener Anlaß zur Durchsetzung veränderter Programmkonzepte und Organisationsstrukturen in den Sendern genutzt wird.

vita:
Thomas Münch, Dr., arbeitet seit 1992 als Wiss. Assistent an der Universität Oldenburg im Fach Musik mit den Schwerpunkten Musik und Massenmedien, Musiksozialisation sowie Musik und Markt. Zur Zeit bereitet er mit Prof. Klaus Boehnke von der TU Chemnitz-Zwickau eine von der DFG geförderte interdisziplinäre Studie zum Hörfunk als Instanz der Jugendsozialisation in alten und neuen Bundesländern vor. Daneben unterrichtet er an der Schule für Rundfunktechnik in Nürnberg und an der ZFP (Zentrale Fortbildung Programm für Mitarbeiter von ARD und ZDF) und ist an der Fortbildungsmaßnahme CampusRadio – Fortbildung für Hochschulabsolventen mit dem Schwerpunkt Rundfunkjournalismus – an der Universität Oldenburg beteiligt. Zuvor arbeitete er mehrere Jahre als Musikredakteur und Medienforscher beim Südwestfunk.

Dr. Richard Parncutt
V: Automatic Recording of Piano Fingering

abstract:
What fingerings do pianists actually use in performance? Do teachers use the same fingerings as they teach? What exactly are the musical rules and psychological processes that underlie the choice of a particular fingering?

To date, no definite answers have been available to questions such as these, because until now it has not been possible to record fingering information automatically during piano performance. Our solution is to monitor the pressure under each fingertip using small pieces of piezo-electric film. A voltage is produced whenever a key is struck or released. Analog signals from each finger are converted to digital signals in a custom wristwatch, and then into a MIDI stream by a commercially available device. As the pianist performs on a MIDI keyboard, the MIDI streams from the fingers and from the keyboard are merged, fed to a computer, and stored as MIDI files. The fingering of each note is then deduced from temporal coincidences between the two MIDI streams. The device will be introduced and demonstrated, and various applications in music performance pedagogy and experimental psychology will be described.

vita:
Richard Parncutt, Ph.D., born 1957, studied music (piano) and physics at the University of Melbourne; Ph.D. 1987 at the University of New England, Australia. Guest researcher and lecturer in Munich, Stockholm, Berlin, Halifax (Canada), and Montreal. Numerous publications on the perception of pitch, consonance, harmony, tonality, and rhythm; psychoacoustic and cognitive theories and models; computer-assisted applications in music theory, musicianship, and composition. Author of Harmony: A Psychoacoustical Approach (Springer-Verlag, 1989). Currently research fellow in the Unit for the Study of Musical Skill and Development, Department of Psychology, Keele University, England.

Roland Pfrengle
V: „Später Schall“ – Anmerkungen zu einem audiovisuellen Raumklangkonzept

abstract:
„Später Schall“ ist eine Auftragskomposition für die KlangArt ’95. Auf dem Rathausplatz von Osnabrück werden Instrumentengruppen und elektronische Instrumente als Klangquellen über weite Distanzen verteilt. Hierdurch entstehen große Schallverzögerungen. Durch ein Raumsteuergerät werden die Klänge via Lautsprecher über den ganzen Platz und hinauf zum Kirchturm der Marienkirche bewegt. Die künstliche Bewegung und die natürliche Verzögerung des Schalls bilden den kompositorischen Hintergrund dieser Raumklangkonzeption. Sowohl musikalisch wie auch visuell entstehen Objekte, die Einzelheiten des Platzes isolieren und auf abstrakter Ebene dem Besucher zurückgeben.

vita:
Roland Pfrengle, geb. 1945, Kompositions- und Tonmeisterstudium von 1966 bis 1974 an der Hochschule für Musik und der Technischen Universität Berlin; Schüler von Heinz Friedrich Hartig, Frank Michael Beyer, Isang Yun u.a. Stipendien für Kompositionsstudien im Elektronischen Studio am Institut für Sonologie (1974/75), Utrecht, und in der Villa Massimo (1977/78), Rom. 1982 Berliner Kunstpreis Musik. Gründer der Improvisationsgruppe No Set (1968) und von 1971 bis 1978 Mitglied der Gruppe Neue Musik Berlin. Seit 1967 Beschäftigung mit Elektronischer Musik, seit 1979 speziell mit der Verknüpfung von mechanischen Instrumenten und Computer. Werke: Kammermusik, Orchesterwerke, Elektronische Musik, Ballett-, Schauspiel- und Hörspielmusik sowie Aktionen und Musiktheater. Schwerpunkt seiner intermediären Arbeiten ist der Einfluß von Kybernetik und Musikpsychologie sowie die Erforschung von Kommunikationsmodellen.

Wolfgang Reinfeldt / Gerd Walter
S: Schüler komponieren und arrangieren über das Internet

abstract:
Seit ca. zwei Jahren existiert am Gymnasium Cäcilienschule Oldenburg eine Arbeitsgemeinschaft Musik und Computer, in der Schüler verschiedener Nationen an unterschiedlichen Orten zusammen Musikstücke komponieren, arrangieren und diskutieren. Der Austausch dieser im General-MIDI-Format erstellten Kompositionen, die anschließend als Standard-MIDI-File abgespeichert werden, erfolgt über das Internet.

Bei der Veranstaltung werden diese Vorgänge online demonstriert, indem ein ständiger elektronischer Austausch zeitgleich entstehender Kompositionen zwischen Oldenburg und Osnabrück stattfindet, an deren Ausgestaltung auch die Besucher teilhaben können.

Dauer der Veranstaltung: ca. 3 Std. Online-Komposition, danach 1 Std. Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse.

vitae:
Wolfgang Reinfeldt, Jahrgang 1953, Lehrer für Physik, Mathematik und Informatik am Gymnasium Cäcilienschule Oldenburg. Fachobmann Informatik, Obmann für Neue Technologien, 1992 Aufbau des Internetanschlusses der Cäcilienschule, Betreuung internationaler Korrespondenz und Unterrichtsprojekte mit Hilfe von Telekommunikation.

Gerhard Walter, Jahrgang 1956, Musiklehrer und Musiker, Studium an der Universität Oldenburg. Während des Studiums und neben der Lehrtätigkeit zahlreiche Konzerte als Keyborder der 14-köpfigen Soul-Formation Coaltrain. Neben Schallplatten- und CD-Veröffentlichungen auch als Arrangeur tätig.

Prof. Ph.D. William Renwick / M.A. David Walker
V: Multimedia Music Instruction using ToolBook

abstract:
Part I of this presentation discusses the pedagogical and technological bases for multimedia in music instruction and outlines its principal strengths and limitations. It provides an overview of the multimedia development environment, considerations for systems analysis and design in an object-oriented paradigm, and its applications in the classroom.

Part II demonstrates several packages based on the ToolBook authoring environment, including CD-BRAHMS, an Orchestration Tutor, and a study guide for The Enjoyment of Music by Joseph Machlis.

vitae:
William Renwick received B.Mus. and M.Mus. degrees from the University of British Columbia and M.Phil. and Ph.D. degrees from the City University of New York. He is Assistant Professor of Music at McMaster University and Visiting Lecturer at the University of Western Ontario. He has contributed to The Music Review, Music Theory Spectrum, Theoria, Music Analysis, Music Theory Online, and MLA Notes. His book Analyzing Fugue: A Schenkerian Approach is published by Pendragon Press.

David Walker received a Mus. Bac. from the University of Toronto before completing undergraduate studies in Computer Science there. He subsequently received an M.Sc. in Computer Science from McMaster University, where he was a member of the Department of Computer Science for five years. He is currently Specialist for Instructional Computing at the university and is completing an M.A. in Music Criticism. He has published articles on programming languages as well as in Computers in Music Research and recently completed the PC version of the CD-ROM software for The Enjoyment of Music for W. W. Norton.

Christoph Reuter
S: Multimediale Präsentation eines Lexikons der Musikautomaten auf CD-ROM

abstract:
Die umfangreiche Literatur zu Musikautomaten vermittelt weder das akustische noch das visuelle Erlebnis der sich bewegenden Musikmaschinen. Museen für mechanische Musikinstrumente sind zum einen oft zu weit vom Wohnort entfernt und bieten zum anderen meist nur eine unvollständige Auswahl an Instrumenten. Schallplatten- und CD-Einspielungen verschaffen ebenfalls keinen vollständigen Überblick.

Durch den Einsatz von Multimedia ist es heute möglich, diese Probleme zu lösen, indem auf einem Computer eine Mischung aus klingendem Lexikon, Instrumentensystematik und virtuellem Instrumentenmuseum installiert wird. Einzelne der bis Juni fertiggestellten Programmteile werden zusammen mit der Grundstruktur des Programms vorgestellt.

vita:
Christoph Reuter, M.A., geb. 28.11.1968 in Duisburg, studierte von 1989–1994 an der Universität zu Köln Musikwissenschaft (Schwerpunkt musikalische Akustik), Germanistik und Pädagogik. Nach dem Magisterexamen 1994 wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität zu Köln. Zur Zeit Arbeit an einer Dissertation über die auditive Diskrimination von Orchesterinstrumenten (Studie zur kognitiven Erfassung von Instrumentalklangfarben und ihrer evolutionären Entwicklung), gefördert durch ein Graduiertenstipendium, sowie Mitarbeit an der Entwicklung eines multimedialen Lexikons für Musikautomaten in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Enders, Universität Osnabrück.

Clemens von Reusner
S: Musik und Grafik – Das Programm KANDINSKY MUSIC PAINTER

abstract:
Das Computerprogramm KANDINSKY MUSIC PAINTER ist ein vielseitiges graphikorientiertes Kompositionsprogramm, das neue – handlungsorientierte – Wege zu musikalischen Erfahrungen eröffnet. Durch die analoge Darstellung von Tonhöhen und -dauern werden die Funktionen des Klangmaterials und ihre strukturelle Organisation ebenso transparent und veränderbar wie deren formale Proportionen. Sowohl der experimentelle Charakter als auch die Visualisierung musikalischer Strukturen haben einen hohen methodischen Stellenwert. Das Programm kann auf unterschiedlichen Erfahrungs- und Schwierigkeitsstufen eingesetzt werden, wobei es möglich ist, sich zeitweise vom Computer zu lösen, um z.B. über graphische Partituren und Klangexperimente alternative Unterrichtsphasen einzubauen oder anzubinden.

vita:
Clemens von Reusner, Jahrgang 1957, Studium der Musikwissenschaft sowie Lehramtsstudium Musik, Kunst, Deutsch. Tätigkeit als Komponist und Schlagzeuger. Mitautor des Kompositionsprogramms KANDINSKY MUSIC PAINTER (1989). Mehrjährige Tätigkeit als Referent und Kursleiter in den zentralen Fortbildungskursen des Niedersächsischen Landesinstituts für Lehrerfortbildung (NLI) zum Thema Neue Technologien und das Fach Musik sowie in der Lehrerausbildung an der TU Braunschweig. Seit 1994 in der zweiten Phase der Lehrerausbildung als Fachseminarleiter tätig. Unterricht an einer Integrierten Gesamtschule in Braunschweig.

Norbert Schlübitz
V: Diskrete Archive und Echtzeitmusiken

abstract:
Medien bestimmen elementar unser Sein in der Welt. Aus medientheoretischer Sicht wird zu zeigen versucht, inwieweit – unabhängig von allen Menschenwünschen – durch das digital prozedierende Medium Computer ein neues Gesellschaftsgefüge im Entstehen begriffen ist. Am Beispiel digitaler Musik wird dieser gesellschaftliche Wandel konkretisiert und diskutiert.

vita:
Norbert Schlübitz, Medientheoretiker und Musikpädagoge. Lehramtsstudium Deutsch/Musik an der GHS-Universität Essen. 1984–1992 als Filmmusikkomponist und -produzent tätig. 1992–1994 an der TU Braunschweig beschäftigt. Doktorand mit Forschungsschwerpunkt Musik und Neue Technologien.

Peer Sitter
V: Mit Auge, Ohr und Maus. Anmerkungen zum Multimediaeinsatz in der Musikwissenschaft

abstract:
Töne, Texte, Partituren, Abbildungen und mehr bilden die Grundlage musikwissenschaftlichen Arbeitens. Nicht selten kommen dazu Video- oder Filmaufnahmen, die z.B. im Bereich der Ethnomusikologie häufiger verwendet werden. Die Integration, Verknüpfung und Aufbereitung dieser Quellen scheint ein ideales Betätigungsfeld für Multimedia-Anwendungen zu sein. Bevor solche Konzepte realisiert werden können, sind jedoch eine Reihe von Fragen zu klären.

vita:
Peer Sitter, geb. 1961 in Gelsenkirchen. Studium 1981–1983 Physik und Mathematik (Lehramt Sek. II/I) an der Universität Bielefeld, 1983–1989 Schulmusik und Physik (Sek. II/I) in Wuppertal (Bergische Universität-GH). Seit 1990 Promotionsstudium Musikwissenschaft an der Universität Osnabrück; 1992–1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität zu Köln am Lehrstuhl für Musik des 20. Jahrhunderts unter Einschluß neuer Musiktechnologien und Medienkunde.

Jörg Spix
S: Das digitale Trautonium

abstract:
In diesem Seminar wird zunächst die geschichtliche Entwicklung des Trautoniums dargestellt; der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Erklärung der Spielweise und Klangerzeugung der analogen Instrumente sowie der Erläuterung und praktischen Demonstration der Funktionsweise der von mir neu entwickelten digitalen Version dieses Instruments, insbesondere der digitalen Klangerzeugung. Das digitale Trautonium kann während des Seminars von den Teilnehmern ausprobiert werden.

S: Programmierung interaktiver Systeme durch Musiker (mit dem Programm MAX)

abstract:
Anhand des Programms MAX, das im französischen Institut für Akustik und Musik (IRCAM) entwickelt wurde, soll eine Einführung in die Programmierung von interaktiven Systemen gegeben werden, z.B. für alternative Musikinstrumente, Klanginstallationen oder interaktive Kompositionsprogramme. Die graphische Programmiersprache ist als Software-Baukasten aufgebaut; Verbindungen zwischen den Bausteinen werden mit Verbindungsleitungen – analog zu modularen Synthesizern – hergestellt. MIDI-Daten können auf jede erdenkliche Weise gespeichert, verarbeitet und interpretiert werden. Auf der IRCAM Signal Processing Workstation ist auch die Analyse, Synthese und Verarbeitung von Klängen in dieses Programmiersystem integriert.

vita:
Jörg Spix, geb. 1962 in Leverkusen, beschäftigte sich schon während seiner Schulzeit intensiv mit Musik und Informatik sowie mit dem Selbstbau von Blas- und Saiteninstrumenten. Studium von 1982 bis 1990 an der Universität Erlangen–Nürnberg, anschließend an der Universität Oldenburg Informatik und Musikwissenschaft. Seit 1992 Lehrauftrag für Computermusik an der Universität Oldenburg mit dem Schwerpunkt interaktive Systeme. 1993 Realisierung einer Klanginstallation für den Oldenburger Künstler Jan-Peter Sonntag, ausgestellt ein Jahr lang im Ministerium für Wissenschaft und Kunst des Landes Niedersachsen in Hannover. Das von ihm entwickelte digitale Trautonium entstand als interdisziplinäre Arbeit im Rahmen des Studiums und fand große Resonanz bei Informatikern und Musikern.

Daniel Teruggi
V: Digital Produced Music and Hand Controlled Sound Diffusion Systems. The Acousmonium and the Performance of Acousmatic Music

abstract:
The multiple loudspeaker sound diffusion system, Acousmonium, is a very precise device for the performance of acousmatic music. It offers the musician a tool for controlling the spatial distribution, spectral organization and loudness variation of music in a concert hall. Until now, the Acousmonium was hand-controlled, but new perspectives of mixed digital and hand control are being experimented with in order to increase the precision of movements and to permit more reliable organization of the concert space.

vita:
Daniel Teruggi, born 1952 in La Plata, Argentina, studied composition in Argentina and in France at the Paris National Conservatoire. In 1983 he became a member of the INA-GRM, where he currently coordinates musical creation and research. He is also in charge of a seminar on computer-assisted artistic creation at the Sorbonne University. He has an extensive catalogue of works for tape alone, tape with instruments, and real-time transformed instruments. His works are published in various CD collections: E Cosa Via (Wergo), Xatys (INA-GRM), Syrcus–Sphæra (INA-GRM), Mano a Mano (Celia Records).


Dr. Elena Ungeheuer
V: Analoge Handschriften

abstract:
Der musikalischen Produktion eines elektronischen Studios wird gemeinhin – bei aller Verschiedenheit der kompositorischen Ideen, die dort realisiert wurden oder zur Diskussion standen – eine gewisse Ähnlichkeit zugesprochen: „Man hört, aus welchem Studio das Werk X kommt.“ Tonbandkompositionen der 50er und 60er Jahre, die im Studio für Elektronische Musik des WDR Köln entstanden, werden in ihren Besonderheiten und in ihrer Vergleichbarkeit vorgestellt. Es handelt sich um Werke der Komponisten Karlheinz Stockhausen, Gottfried Michael Koenig, Mauricio Kagel, Herbert Brün und Franco Evangelisti.

vita:
Elena Ungeheuer, Dr. phil., hat sich als Musikwissenschaftlerin auf Fragen der Musik des 20. Jahrhunderts spezialisiert. In Publikationen, Vorträgen und Seminaren widmet sie sich vor allem der Musik nach 1945 mit einem Schwerpunkt auf elektroakustischer Musik. Dazu zählt auch ihr Buch Wie die elektronische Musik „erfunden“ wurde… Quellenstudie zu Werner Meyer-Epplers Entwurf zwischen 1949 und 1953, Mainz 1992. Weitere Themen sind Musik und Sprache sowie interdisziplinäre Kulturgeschichte.

Dr. Andreas Wernsing
V: „Auf jeden Pott einen Deckel!“ Programmformate im Zeitalter digitaler Vernetzung

abstract:
Programmformate – dieser Begriff wird heute üblicherweise verwendet, um die Themen von Radioprogrammen entsprechend der Rezeption dort gespielter Musik zu klassifizieren.

Es ist zu erwarten, daß die Verwendung von Programmformaten umfassende Bedeutung erlangen wird, wenn in einem Zeitalter digitaler Vernetzung Musik präsentiert wird. Denn das Prinzip, musikalische Phänomene anhand sozialer Faktoren in Programmen zu gestalten, ist schon im Radio eng mit Datenverarbeitung verbunden. Deren Techniken bilden in einer zukünftigen Informationsgesellschaft den Hintergrund.

Fraglich ist, wie sich Musikverbreitung dabei verändern wird. Mit Hilfe einer Bestandsaufnahme von Übertragungswegen und möglichen musikalischen Inhalten soll das kategoriale Potential von „Musik in Multimedia“ ausgelotet werden.

vita:
Andreas A. Wernsing, geb. 10. April 1967 in Krefeld; Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Pädagogik in Bonn und Berlin (TU), Magister Artium 1992; 1992–1994 Studium der Betriebswirtschaftslehre in Köln; Praktika u.a. beim Sender Freies Berlin (Musikredaktion), Südwestfunk Baden-Baden (Medienforschung) und der Westdeutschen Zeitung (Lokalredaktion Krefeld); Hospitanz bei der GEMA (Bezirksdirektion Köln). Promotion 1994 an der TU Berlin (Betreuer: Prof. H. de la Motte-Haber und Prof. B. Enders) mit der Dissertation Erscheinungen der Programmgestaltung von E- und U-Musik im Radioprogramm des Westdeutschen Rundfunks (PETER LANG Verlag, 1995).

cand. phil. Tillman Weyde
S: Grammatikbasierte harmonische Analyse von Jazzstandards mit Computerunterstützung

abstract:
Generative Grammatiken sind in der Musikforschung etwas aus der Mode gekommen, stellen aber weiterhin ein leistungsfähiges Paradigma zur Beschreibung musikalischer Strukturen dar. Vorgestellt wird ein grammatikbasiertes Analysesystem, das ausgehend von elementaren Kadenzprinzipien eine Auswahl von Jazzstandards in Kadenzen zerlegt, diesen eine Tonart zuordnet und sie harmonisch analysiert. Die angewandte Methode ermöglicht einen hohen Grad an Übereinstimmung des durch die Regeln beschriebenen Raums an Akkordfolgen mit dem stilistischen Bereich der Vorlagen. In der Arbeit zeigte sich, daß sich mit Grammatiken wesentliche Teile der Kadenzlogik dieses Bereichs klar und musikalisch nachvollziehbar beschreiben lassen. Auch die Anwendung des Systems zur Synthese von Akkordfolgen wird vorgestellt.

vita:
Tillman Weyde, Jahrgang 1965, studierte an der Universität Osnabrück Musik und Mathematik für das Lehramt an Gymnasien. Neben der künstlerischen und mathematischen Ausbildung arbeitete er an der Gestaltung von Lernprogrammen der CAMI-Group Osnabrück. Für die Arbeit an einem Gehörbildungsprogramm erhielt er 1992 den Förderpreis Musik der Universität Osnabrück. Seit dem Staatsexamen ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Musikelektronik und -informatik an der Universität Osnabrück tätig.

Oliver Zahorka
S: From Sign to Sound – Analysis and Performance of Musical Scores

abstract:
This introductory workshop presents RUBATO, an interactive NEXTSTEP-based application for the analysis and performance of music. The abstract system of signs of a musical score is translated into a special predicate database format.

After logical and geometric recombination, data is passed to RUBATO’s analytical modules – the Rubettes – which may be dynamically loaded. At present, a Metro-, a Melo-, and a HarmoRubette are available. Rubettes for counterpoint and advanced Riemannian harmony are in preparation.

The analytical results, together with the user’s preferences and tuning of expressive shaping forces, lead to a synthetic performance of the piece to be listened to via MIDI equipment.

vita:
Oliver Zahorka is a student of musicology and computer science at the University of Zurich. As a scientific collaborator of the SNSF RUBATO project, he designed and implemented important parts of the RUBATO software. He is currently engaged in the ongoing RUBATO project and has published several papers on computing musicology and computer science.

Podiumsdiskussion
Digitalisierung der Medien – Digitalisierung der Musikästhetik?

Moderator:
Prof. Dr. J. P. Fricke, Universität zu Köln, Musikwissenschaftliches Institut

Teilnehmer:
Prof. Dr. Peter Bienert
Prof. Dr. Bernd Enders
Prof. Dr. Rudolf Frisius
Prof. Dr. Leigh Landy
PD Dr. Niels Knolle
Prof. Dr. Helga de la Motte-Haber