Alternative Prüfungsformen

Die Erinnerung an meine letzte mündliche Prüfung ist nicht so schön: Nachdem ich die Kamera ausgeschaltet habe, lege ich mich auf den Boden. Ungefähr eine halbe Stunde bleibe ich so liegen. Bis ich wieder normal atme. Das Buch kannte ich beinahe auswendig und bei der Vorbereitung mit Freund:innen konnte ich fast jede Frage beantworten. Doch dann: Blackout. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich wortlos auf den Bildschirm gestarrt habe. Immerhin habe ich am Ende knapp bestanden.

Fast jede*r erlebt dieses Gefühl mindestens einmal im Leben: Prüfungsangst. Die Gründe dafür sind vielfältig, hängen aber auch mit der Art der Prüfung zusammen – so das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur in Berlin. Denn Prüfungen, in denen Kontrolle abgegeben oder wenig Unterstützung angeboten wird, werden häufig als belastend empfunden und können Prüfungsangst auslösen.

Dass es um mehr geht als Druck und Auswendiglernen, zeigen zwei Lehrende der Uni: Prof. Dr. Peter Grundke aus den Wirtschaftswissenschaften und Lena Szczepanski aus der Biologiedidaktik bieten seit einiger Zeit alternative Prüfungsleistungen an. Mit ihnen habe ich über ihre Erfahrungen gesprochen.

„Pleiten, Pech und Krisen – Was lernen wir aus historischen Bankschieflagen?“ lautet der Titel des Podcasts, den Studierende des Masterstudiengangs Betriebswirtschaftslehre als Prüfungsleistung unter Leitung von Peter Grundke produziert haben. Statt wie in anderen Modulen von ihm eine Fallstudie zu bearbeiten, erstellt jeweils ein Team eine Folge, am Ende entsteht so ein Podcast. „Wir experimentieren schon seit einigen Jahren damit, den Studierenden mehr Optionen in der Prüfung zu geben. Und das hat sich langfristig bewährt. Dafür spricht nicht nur das positive Feedback der Studierenden, sondern auch der langfristige Lernerfolg“, sagt Peter Grundke.

Denn klassische Klausuren führen oft zum so genannten Binge-Learning (von engl. to binge, sich vollstopfen): Erst Stoff reinschaufeln und nach der Klausur möglichst schnell wieder vergessen. Dabei werden Fähigkeiten vernachlässigt, die im späteren (Berufs-)Leben wichtig sind. Diese werden als die 4 K's des Lernens bezeichnet und stehen für Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.

„Ich habe das Gefühl, dass bei den Studierenden mehr hängen bleibt, weil sie aktiver sind, als wenn sie sich nur mit Klausurinhalten beschäftigen“, sagt Peter Grundke. „Sie müssen selbst recherchieren, mit Kommilitonen diskutieren, im Team arbeiten und am Ende präsentieren. Und ich habe das Gefühl, dass es ihnen auch mehr Spaß macht.“

Prof. Dr. rer. pol. Peter Grundke

© Elena Scholz

Banken und Finanzierung

Tel.: +49 541 969-4721

Raum: 45/E02
 peter.grundke@uni-osnabrueck.de

 

Die Studierenden werden während der Produktion begleitet. Und es gibt Redaktionstage, an denen die Arbeiten gemeinsam besprochen werden: Wie bringe ich die Fakten spannend rüber? Stimmt inhaltlich alles? Oder wie schaffe ich es, fehlerfrei zu sprechen? Eine Klausur wird zwar trotzdem geschrieben, aber mit reduziertem Inhalt. Und am Ende setzt sich die Note aus beiden Leistungen zusammen.

„Wenn es in der Klausur mal nicht so gut läuft, kann man die Note auch mit der anderen Prüfungsleistung ausgleichen. Das nimmt etwas Druck aus der Klausur und mindert das Gefühl, dass jetzt alles darauf ankommt“, sagt Peter Grundke.

Aber was haben die Lehrenden davon? „Für mich ist es die intrinsische Motivation: Ich sehe, dass die Studierenden motivierter sind, dass sie mehr lernen und mehr Spaß haben. Und das macht auch mir als Dozierendem sehr viel Freude“, erklärt Grundke. „Aber gleichzeitig ist es natürlich auch zusätzliche Arbeit. Ich war überrascht, wie betreuungsintensiv so ein Podcast ist. Und ich musste mich in Themen einarbeiten, von denen ich vorher keine Ahnung hatte: Lizenzfragen zum Beispiel oder Audiotechnik. Da muss ich auch noch einmal die Unterstützung durch VirtUOS hervorheben, die wirklich sehr hilfreich war.“

Und eigene Erfahrungen mit Prüfungsangst? „Prüfungsangst nicht, aber Respekt vor Prüfungen. Ich habe selbst in Aachen Mathematik studiert, und da gab es viele mündliche Prüfungen. Das kann einem schon Respekt einflößen, wenn man als junger Student einem Professor gegenübersitzt. Wenn man weiß, was da auf einen zukommt, wird man schon nervös. Aber da hilft nur, es einfach zu machen und zu hoffen, dass es klappt. Und dann das Selbstvertrauen daraus zu ziehen, dass es beim nächsten Mal auch klappt“.

Als ich Lena Szczepanski nach Prüfungsangst frage, antwortet sie direkt: „Ja, das Gefühl kenne ich“. Sie hat erst Physik und Biologie auf Gymnasiallehramt studiert, im Anschluss ihr Referendariat in Münster gemacht und promoviert nun in der Biologiedidaktik an der Uni. „Im Referendariat hat man mir gesagt, Frauen können keine Physik. Das ist natürlich hart. Die erste Physikstunde habe ich dann richtig vermasselt und der Schulleiter hat überlegt, mir die Stunden wieder wegzunehmen.“

Ihre Erfahrungen aus dem Referendariat nutzt sie für ihre Lehre an der Uni: „Ich weiß, was mir selbst im Studium und in der Ausbildung gefehlt hat. Deshalb will ich die zukünftigen Lehrer:innen besser ausbilden und sie praktisch auf die Prüfungen im Referendariat vorbereiten.“ Das scheint gut zu funktionieren, denn für ihr Lehrkonzept wurde sie dieses Jahr mit einem der Preise für gute akademische Lehre ausgezeichnet. Mit in dieses Konzept gehören auch alternative Prüfungsleistungen, zum Beispiel das Prüfungsgespräch.

Lena Szczepanski

© Sebastian Holt

Biologiedidaktik

Tel.: +49 541 969-3449

Raum: 35/135b
 lena.szczepanski@uni-osnabrueck.de

Aber wie unterscheidet sich ein Prüfungsgespräch von einer mündlichen Prüfung? „Vor allem, dass die Studierenden mehr Kontrolle und Unterstützung bekommen“, sagt Lena Szczepanski. „Die Studierenden können sich das Thema des Prüfungsgesprächs selbst aussuchen. Das gibt viel Sicherheit, denn so können sie sich gezielt vorbereiten und dann als Expert*innen auftreten. Außerdem kommen die Studierenden immer als Zweierteam in das Gespräch – das heißt, man kann sich gegenseitig ergänzen oder unterstützen, wenn es mal hakt. Es ist vielmehr ein Miteinander als ein Gegeneinander.“

Das Gespräch beginnt mit einem Einführungsvortrag, in dem die Studierenden das Thema in fünf Minuten vorstellen. Danach folgen fünf Minuten für Fragen und fünf Minuten für die Diskussion, sodass eine Prüfung im Zweierteam 30 Minuten dauert. „Das Gespräch ist eine offene Fragerunde“, erklärt Szczepanski. „Die Studierenden bekommen Lehrmaterial, das sie selbst beurteilen müssen. Dann diskutieren wir gemeinsam die Vor- und Nachteile der Ansätze. In der Diskussion kann ich auch mit Fragen lenken und so ein bisschen helfen. Und es gibt kein kategorisches Richtig oder Falsch. Es geht also um mehr als nur um die Reproduktion von Fachinhalten und stumpfes Auswendiglernen.“

Und wie reagieren die Studierenden auf das Prüfungsgespräch? „Die allgemeine Reaktion ist meistens: "Das ging schnell vorbei und war gar nicht so schlimm!" Das freut mich natürlich. Und ich habe auch von einigen gehört, dass es die Angst vor dem Referendariat nimmt, weil es eine positive Prüfungserfahrung ist.“ Verbesserungsvorschläge gibt es natürlich auch: "Die Studierenden wünschen sich meist mehr direktes Feedback während des Prüfungsgesprächs".

Auch im Prüfungsgespräch stehen die vier K’s im Vordergrund: Die Studierenden lernen, ihr Thema zu kommunizieren, sich in und vor der Prüfung zu unterstützen, in Präsentationen den Lerntransfer kreativ darzustellen und das präsentierte Material kritisch zu bewerten. Lernerfolg garantiert.

Ihr kennt das Problem auch und seid von Prüfungen gestresst oder überfordert?

Dann hat die Uni Angebote zur Unterstützung für euch:

Im Workshop  „Erfolgreich mit Prüfungsangst umgehen“ lernt ihr, wie ihr effektiv mit Prüfungsangst umgeht: Wie teile ich mir den Stoff gut ein? Wie kann ich mich von anstrengenden Gedanken lösen? Wie kann ich meine Gefühle regulieren? Und wie bleibe ich in der Prüfungssituation souverän?

Auch die   psychosoziale Beratungsstelle kann euch bei Leistungsdruck und Prüfungsangst unterstützen. Sechs Psycholog:innen nehmen sich in persönliche Beratungsgesprächen Zeit für euch.