Bolzplätze in Osnabrück – mehr als nur Orte zum Fußballspielen?

Hannah Linnenbaum, Sofie Kamphus und Jan Dransmann, SoSe 2025

Die historische Entwicklung von Bolzplätzen

Die Geschichte der Bolzplätze in Deutschland reicht weit zurück und ist eng mit der Entwicklung des Fußballs verbunden. Bereits 1874 wurde in Braunschweig der erste Fußballplatz angelegt, initiiert von Konrad Koch, einem Pionier des deutschen Fußballs (Hoffmeister, 2011).

In den 1920er-Jahren entwickelten sich erste Ansätze einer Bolzplatzkultur, als städtische Freiflächen von Kindern und Jugendlichen genutzt wurden, um ohne Vereinsbindung und spontan Fußball zu spielen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewannen diese Flächen an neuer Bedeutung. Während des Wiederaufbaus boten Bolzplätze unkomplizierte Möglichkeiten, um Sport zu treiben undsoziale Kontakte zu pflegen. Ab den 1960er-Jahren wurden sie zunehmend Teil des städtischen Raums, oft bewusst in Wohngebieten integriert (Mittag, 2020). Damit erhielten Kinder und Jugendliche erstmals einen festen öffentlichen Ort für informelles Sporttreiben.

Eine Renaissance erlebten Bolzplätze 2005, als der Deutsche Fußball-Bund eine großangelegte Kampagne zur Sanierung bestehender Anlagen startete (Hoffmeister, 2011). Dadurch wurden viele Spielflächen modernisiert und aufgewertet. 2018 folgte schließlich eine besondere Anerkennung, denn in Nordrhein-Westfalen wurden Bolzplätze offiziell als Teil des immateriellen Kulturerbes eingestuft ( Fußballmuseum, 2018). Damit wurde deutlich, dass Bolzplätze mehr sind als reine Spielflächen - sie sind ein Stück kultureller Identität.

Rötlich getönte Fotografie vom einem Fußballspiel
© Kurt Hoffmeister
Abbildung 1 Fußballplatz „Kleine Exer“ in Braunschweig, 1910. [Fotografie]. © Archiv Kurt Hoffmeister, 1910. Abgerufen am 3. Oktober 2025, von https://images.ndr.de/image/10f126b2-98ce-4c0d-8123-43c1050d9eed/AAABkiL5M-Y/AAABmKJZ-0g/16x9-big/konradkoch130.webp?width=1920

Die Bedeutung von Bolzplätzen in der Gegenwart

Heute sind Bolzplätze ein fester Bestandteil der deutschen Freizeitkultur. Sie ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, sich selbstbestimmt und ohne Aufsicht zu treffen, ihre Freizeit aktiv zu gestalten und eigene Regeln aufzustellen. Eine aktuelle Studie (Meyer, 2025) zeigt, wie sich das informelle Fußballspiel in verschiedene Spielformen ausdifferenziert hat, sodass auch anzunehmen ist, dass Bolzplätze von Heranwachsenden sehr unterschiedlich zum Fußballspielen genutzt werden können. Dabei sind sie nicht nur Orte des Sports, sondern auch wertvolle Aktions-, Sozial- und Lernräume.

Wie der Sportwissenschaftler Jürgen Mittag herausarbeitet, geht es dabei nicht nur um das Erlernen sportlicher Fähigkeiten, sondern auch um soziale Kompetenzen wie Teamgeist, Konfliktlösung oder Fairness (Mittag, 2020). Gleichzeitig haben Bolzplätze eine wichtige integrative Funktion, denn unabhängig von Herkunft, sozialem Status oder Vereinszugehörigkeit können hier Begegnungen stattfinden, die über den Sport hinauswirken.

In einer zunehmend durchorganisierten Freizeitlandschaft behalten Bolzplätze damit ihren besonderen Wert. Sie sind niedrigschwellige Orte des informellen Sports, die Selbstbestimmung fördern und Räume für Gemeinschaft, Kreativität und Integration eröffnen.

KI-generiertes Bild einer Multifunktionsanlage mit Fußball- und Basketballfeld und Tischtennisanlage mit spielenden Kindern
Abbildung 2 Fiktive Multifunktionsanlage. [KI-generiertes Bild]. ©ChatGPT, 2025.

Vorstellung unseres Projekts

Aufgrund dieser aktuellen Bedeutung von Bolzplätzen für Kinder und Jugendliche haben wir uns in unserem Projekt konkret mit der Situation in Osnabrück beschäftigt. Uns war es wichtig herauszufinden,

  • wie viele Bolzplätze es in der Stadt gibt und wie sie verteilt sind,
  • welche Qualität die Anlagen aufweisen,
  • und wie sie von Kindern und Jugendlichen tatsächlich genutzt werden.

Hierbei haben wir unseren Fokus besonders auf die Multifunktionsanlagen gelegt, da sie als „Zukunftsmodell“ der Bolzplätze gelten und weiter verbreitet werden sollen (Hinrichs, 2025).

Ergebnisse unserer Untersuchung

Vorhandensein und Verteilung:

Eine bereits gegebene Übersichtskarte zeigte deutlich, dass Bolzplätze in Osnabrück zwar grundsätzlich vorhanden sind, die Verteilung aber ungleichmäßig ausfällt. Besonders im Stadtkern und den angrenzenden Stadtteilen gibt es eine höhere Dichte, während am Stadtrand weniger Angebote bestehen. Insgesamt gibt es allerdings nur neun Multifunktionsanlagen, vor allem in den Stadtteilen Schinkel, Dodesheide, Wüste, Schölerberg und Kalkhügel. Damit sind die äußeren Stadtteile deutlich unterrepräsentiert. Allerdings muss hierbei erwähnt werden, dass ein Abgleich mit den Geburtenzahlen zeigt, dass in den ausgestatteten Stadtteilen mehr Kinder und Jugendliche und damit mehr potenzielle Nutzer leben als in den Stadträndern (Stadt Osnabrück, 2023).

Qualität:

Zur qualitativen Einschätzung besuchten wir die Plätze zu verschiedenen Tagen und Uhrzeiten und untersuchten sie exemplarisch. Dabei legten wir den Fokus auf die Kriterien Erreichbarkeit, Untergrund, Geräte, Nutzungsmöglichkeiten sowie Sauberkeit. Außerdem brachten wir mögliche Verbesserungsvorschläge und, falls vorhanden, Zitate von Nutzern mit ein. Die gesammelten Informationen hielten wir zusammen mit Fotos in einer Tabelle fest. Das Ergebnis: Einige Plätze sind modern und attraktiv, andere hingegen wirken eher veraltet und wenig einladend (siehe ausführliche unsere Beobachtungsergebnisse [Link einfügen zu einem Dokument). Die Multifunktionsanlagen schneiden hier vergleichsweise deutlich besser ab, sodass ein weiterer Ausbau wünschenswert wäre.

Nutzung:

Unsere stichpunktartigen Beobachtungen deuten darauf hin, dass vor allem männliche Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren die Plätze aufsuchen – überwiegend zum Fußballspielen, vereinzelt auch zum Basketball. Dabei werden in der Regel Abwandlungen des eigentlichen Spiels gespielt, wobei sich die Regeln oftmals selbst gegeben wurden und von Standort zu Standort variieren. Dies hing u.a. auch mit dem vorhandenen Platzangebot zusammen. Wenn beispielsweise nur ein Tor oder Korb zur Verfügung stand, wurde das Spiel entsprechend angepasst. Zu beobachten war zudem, dass die Bolzplätze von Kindern und Jugendlichen im Normalfall nicht allein aufgesucht wurden, sondern mindestens zu zweit, oftmals auch in kleineren Gruppen. Neben der sportlichen Funktion erfüllen Bolzplätze damit auch eine wichtige soziale Funktion als Treffpunkt. Allerdings bedürfte es einer deutlich ausgiebigeren Analyse, um eine fundierte Aussage treffen zu können, da verschiedene Bolzplätze über einen längeren Zeitraum beobachtet werden müssten. Hier ließe sich über ein mögliches zukünftiges Projekt nachdenken.

Übersicht zur Stadtkarte von Osnabrück mit markierten Orten zu Spielplätzen
Abbildung 3 Spielplätze in Osnabrück, rot umkreist = Multifunktionsanlagen. [Kartendarstellung]. © Stadt Osnabrück (o. D.). Abgerufen am 3. Oktober 2025, von https://geo.osnabrueck.de/spielplatz/#var=start

Herausforderungen und Ausblick

Im Rahmen der Untersuchung traten auch Herausforderungen auf. So wäre eine genauere Analyse der Nutzung nur durch längere Beobachtungen möglich gewesen. Außerdem erwies es sich als sehr schwierig, Personen an den Bolzplätzen anzutreffen, die auch zu einer kurzen Befragung bereit waren. Zudem zeigte sich, dass die Datenlage nicht immer aktuell ist und eine engere Zusammenarbeit mit der Stadt notwendig wäre, um eine verlässliche Übersicht zu erstellen. Dennoch wird eine von uns erstellte Übersicht der Multifunktionsanlagen an die Stadt weitergeleitet, sodass diese Informationen ggf. in die bereits vorhandene Website eingefügt werden können.

Mit Blick in die Zukunft ist klar: Die Stadt Osnabrück verfolgt das Ziel, langfristig jeden Stadtteil mit einer modernen Multifunktionsanlage auszustatten. Dabei wird die Qualität der Plätze eine entscheidende Rolle spielen. Außerdem sollte der Zugang noch stärker für unterschiedliche Gruppen geöffnet werden – zum Beispiel durch zusätzliche Sportangebote, die über den klassischen Fußball hinausgehen, wie sie es beispielsweise schon vereinzelt durch die BaKoS (Osnabrücker Ballschule) gibt. Bolzplätze werden damit auch künftig wichtig bleiben: als Orte der Bewegung, Begegnung und Integration.

Literaturverzeichnis

Deutsches Fußballmuseum. (2018, 25. Oktober). Bolzplatzkultur ist NRW-Kulturerbe [Nachricht].  https://www.fussballmuseum.de/aktuelles/nachrichten/detail/bolzplatzkultur-ist-nrw-kulturerbe-25-10-2018/

Hinrichs, W. (2025, 29. April). Irritationen um neuen Bolzplatz in Osnabrück-Sutthausen. noz.de.  https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/irritationen-um-neuen-bolzplatz-in-osanbrueck-sutthausen-48661941

Hoffmeister, K. (2011). Der Wegbereiter des Fußballspiels in Deutschland: Prof. Dr. Konrad Koch (1846-1911) - Eine Biografie. Books on Demand.

Meyer, R. (2025). Spielformen informellen Straßenfußballs in der Kindheit und Jugend – Rekonstruktion einer lokalen Praxis. Forum Kinder- und Jugendsport.  https://doi.org/10.1007/s43594-025-00172-4

Mittag, J. (2020). Entwicklungslinien und Merkmale des Bolzplatzes: Informelle Fußballkultur zwischen Spiel- und Sportplatz im Wandel. FuG-Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, 21(1), 124-147.

Stadt Osnabrück. (2023). Bevölkerungsprognose 2023 bis 2040: Demographiebericht (Osnabrücker Beiträge zur Stadtforschung) [PDF].  https://informiert.osnabrueck.de/fileadmin/informiert/statistik/Bevoelkerungsprognose_2023_bis_2040_Veroeffentlichung.pdf

Stadt Osnabrück. (o. D.). Spielplätze der Stadt Osnabrück. Stadt Osnabrück. Abgerufen am 3. Oktober 2025, von  https://geo.osnabrueck.de/spielplatz/#var=start

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Fußballplatz „Kleine Exer“ in Braunschweig, 1910. [Fotografie]. © Archiv Kurt Hoffmeister, 1910. Abgerufen am 3. Oktober 2025, von  https://images.ndr.de/image/10f126b2-98ce-4c0d-8123-43c1050d9eed/AAABkiL5M-Y/AAABmKJZ-0g/16x9-big/konradkoch130.webp?width=1920

Abb. 2 Fiktive Multifunktionsanlage. [KI-generiertes Bild]. © ChatGPT, 2025.

Abb. 3 Spielplätze in Osnabrück, rot umkreist = Multifunktionsanlagen. [Kartendarstellung]. © Stadt Osnabrück (o. D.). Abgerufen am 3. Oktober 2025, von  https://geo.osnabrueck.de/spielplatz/#var=start