Informeller Sport im Alltag von Abiturientinnen. Eine explorative Studie

Marie Pansing, Sina Piepel, Alissa Wißmann, Nele Hahn und Johanna von Hollen, SoSe 2025

Unser Projekt

In unserem Forschungsprojekt haben wir untersucht, welche Rolle informeller Sport im Alltag von Abiturientinnen spielt und wie eine schulische Unterstützung des informellen Sporttreibens aussehen könnte. Mithilfe von Interviews und Zeitbudgets von vier Schülerinnen der Oberstufe (12. und 13. Klasse in Osnabrück) wollten wir herausfinden, wie viel Zeit neben Schule und Klausuren für Bewegung bleibt, welche Formen des informellen Sports tatsächlich genutzt werden und welche Hürden bestehen. Ziel war es, Einblicke in das Bewegungsverhalten während der Abiturphase zu gewinnen und daraus Anregungen für eine stärkere schulische Förderung informeller Bewegung abzuleiten.

Tabelle zum Zeitbudget von vier Schülerinnen der Oberstufe. Montag bis Sonntag, bzw. 6:00 - 23:00
Abbildung 1 Tabelle zum Zeitbudget von vier Schülerinnen der Oberstufe. [Grafik]. © Eigene Erstellung, 2025.
 Zusammenfassende Tabelle zum Zeitbudget von vier Schülerinnen der Oberstufe. (Schule, Lernen/ Hausaufgaben, Medien, Soziales, Bewegung formell/ informell, Hobby/ Ehrenamt, Sonstiges, Arbeit, Anmerkungen
Abbildung 2 Zusammenfassende Tabelle zum Zeitbudget von vier Schülerinnen der Oberstufe. [Grafik]. © Eigene Erstellung, 2025.

In dieser Tabelle werden die Angaben der Schülerinnen durch die Zeitbudgets noch einmal zusammengefasst. Es wird deutlich, dass ein Großteil des Alltags durch Schule und Lernzeiten bestimmt ist. Für Bewegung bleibt am Nachmittag oder am Wochenende noch Zeit, die allerdings wenig bis gar nicht für sportliche Zwecke genutzt wird. Um die Zeitbudgets zu erweitern, haben wir die Schülerinnen im weiteren Verlauf unseres Projekts mittels Interviews nach weiteren Erfahrungen bezüglich ihres Stresserlebens, des informellen Sports und ihren eigenen Ideen zur Bewegungsförderung im Schulsport befragt. Ziel dabei war es, herauszufinden, ob es versteckte Bewegung im Alltag der Schülerinnen gibt. Ob und wenn ja, was sie daran hindert, informellen Sport zu treiben und was sie außerdem motiviert oder motivieren würde, informellen Sport zu betreiben.

  • Bewegung: Pole Dance (ca. 2 Stunden pro Woche, außer in Klausurenphasen), im Sommer Volleyball mit Freund:innen, Spaziergänge mit Hund.
  • Hürden: Fühlt sich „unsportlich“, wenig Motivation, bei Stress bricht die Bewegung weg, keine passenden Anfängerangebote in Vereinen.  
  • Wünsche: Mehr Mannschaftssport im Unterricht, konkrete Infos über Sportmöglichkeiten vor Ort.  

„In der Klausurenphase höre ich mit dem Sport 1–2 Monate auf. Oft habe ich ein schlechtes

Gewissen, wenn ich Freizeit nicht fürs Lernen nutze.“  

  • Bewegung: Tägliche Fußwege (20–30 Minuten), Reiten als Hobby.  
  • Hürden: Bewegung wird nicht bewusst gesucht, kaum Spaß an körperlicher Aktivität, Noten im Sportunterricht wirken demotivierend.  
  • Wünsche: Weniger Leistungsdruck, fairere Behandlung im Sportunterricht.  

„Sport sollte man nicht benoten. Das demotiviert total.“

  • Bewegung: Längere Wege zu Fuß, spontane Spaziergänge, Volleyball am Wochenende im Sommer.  
  • Hürden: In stressigen Phasen kaum Bewegung, bei viel Struktur tendiert sie dazu, freie Zeit lieber im Bett zu verbringen.  
  • Positive Effekte: Spaziergänge helfen beim „Gedankensortieren“ und wirken mental entlastend.  
  • Wünsche: Schule sollte mehr Impulse setzen, z. B. Exkursionen oder kleine Aktivitäten.  

„Spaziergänge helfen mir, die Gedanken zu sortieren. Nach der Exkursion hatte ich Lust, selbst nochmal zur Hase zu gehen.“

  • Bewegung: Gelegentliches Joggen, vor allem als Ausgleich und zum “Kopf-frei-bekommen”.  
  • Hürden: Kein regulärer Schulalltag mehr, hoher Fokus aufs Lernen – Bewegung bleibt Randthema.  
  • Wünsche: Schule sollte deutlicher machen, wie Bewegung direkt beim Lernen und Stressabbau hilft.  

„Joggen hilft mir, den Kopf freizubekommen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Schule klarer zeigt, wie Bewegung beim Lernen und Stressabbau hilft.“

Gemeinsame Muster und Problemfelder

Die Kurzporträts zeigen unterschiedliche Zugänge zur Bewegung - von Pole Dance und Reiten bis hin zu Spaziergängen und Joggen. Dennoch lassen sich klare Muster erkennen:  

  • Bewegungseinbruch in Klausurenphasen: Sobald schulischer Druck steigt, wird Bewegung als Erstes gestrichen.  
  • Spontane, saisonale Bewegung: Informeller Sport findet oft zufällig statt (z. B.

Volleyball im Sommer, Spaziergänge in freier Zeit), selten als feste Routine.  

  • Sport als Pflicht statt Entlastung: Viele Schülerinnen verbinden Sport mit Benotung und Leistungsdruck, nicht mit Wohlbefinden.  
  • Fehlende schulische Unterstützung: Schule setzt kaum Impulse für Bewegung außerhalb des Unterrichts, weder durch Angebote noch durch Informationen.  
  • Mentale Effekte werden deutlich: Wenn Bewegung stattfindet, wird sie klar als Hilfe für Stressabbau und Gedankenordnung wahrgenommen.  

Diese Ergebnisse machen zentrale Problemfelder sichtbar:  

  • Die Erziehung zum lebenslangen Sporttreiben (als einer Seite des curricular verankerten Doppelauftrags) wird zumindest für den Bereich des informellen Sports nicht ausreichend umgesetzt.  
  • Informelle Bewegung wird von Schule und Schülerinnen häufig nicht als „richtiger Sport“ anerkannt.  
  • Leistungsorientierung dominiert, während intrinsische Motivation und Freude an Bewegung in den Hintergrund geraten.  
  • Die Verbindung von Sport und mentaler Gesundheit wird kaum thematisiert, obwohl sie für Abiturienten besonders relevant wäre.  

Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass Bewegung für Abiturientinnen zwar eine wichtige Ressource sein kann, in der Praxis aber häufig hinter schulischem Druck zurücktritt. Besonders auffällig ist der Einbruch informeller Bewegung in Klausurenphasen: Freizeit wird in dieser Zeit primär mit Lernen verknüpft, und sportliche Aktivitäten lösen eher ein schlechtes Gewissen aus, als dass sie als notwendiger Ausgleich wahrgenommen werden. Diese Beobachtungen decken sich mit Befunden aus der Forschung: Gerber (2007) sowie Fuchs & Gerber (2017) betonen, dass Sport bei Jugendlichen besonders dann wirksam ist, wenn er freiwillig und ohne Leistungsdruck erfolgt. Wird Bewegung jedoch mit Noten, Vergleichen oder Zwang verbunden, kann dies zusätzlichen Stress erzeugen genau das schilderten mehrere Schülerinnen in unseren Interviews.  

Auch das Erlebnislernen zeigt sich als wichtiger Faktor: Eine Schülerin berichtete, wie eine Exkursion an die Hase sie dazu motivierte, später von sich aus dorthin zurückzukehren. Damit bestätigt sich, was Zander (2017) und Zander & Thiele (2020) herausstellen, dass Erfahrungen im Schulsport nachhaltige Anreize für Freizeitbewegung schaffen können. Gleichzeitig wird deutlich, dass der schulische Fokus auf Leistungserbringung problematisch ist. Becker & Börnert-Ringleb (2024) weisen darauf hin, dass viele Jugendliche den Sportunterricht als demotivierend erleben, wenn sie sich selbst als „unsportlich“ wahrnehmen. Unsere Befragten bestätigten dies: Sport wird häufig als Pflicht oder Druck erlebt, nicht als Möglichkeit zur Entlastung.  

Zusammenfassend zeigt sich: Schule greift das Potenzial informeller Bewegung bislang kaum auf. Stattdessen verstärkt sie bestehende Hemmnisse durch Leistungsorientierung und fehlende Alltagsimpulse. Damit verpasst sie die Chance, Bewegung als Ressource für Gesundheit, Stressabbau und Wohlbefinden zu vermitteln. 

Handlungsempfehlungen für Sportlehrkräfte

Aus unseren Ergebnissen und den theoretischen Bezügen lassen sich mehrere konkrete Handlungsempfehlungen ableiten:  

Informelle Bewegung sichtbar machen


Bewegung sollte nicht nur als Vereins- oder Wettkampfsport thematisiert werden. Einfache, niedrigschwellige Formen wie Volleyball im Park, Frisbee, Spaziergänge oder kleine Spiele können im Unterricht vorgestellt und positiv bewertet werden.  

Exkursionen und Erlebnislernen nutzen


Naturerkundungen, Urban Walks oder bewegungsorientierte Exkursionen schaffen nachhaltige Anreize. Eine Schülerin berichtete, dass eine Exkursion an die Hase sie später zu eigenen Aktivitäten motivierte - ein Beispiel für den nachhaltigen Effekt solcher Impulse (Zander 2017).  

Bewegung mit mentaler Gesundheit verbinden


Reflexionsphasen („Wie fühle ich mich nach dieser Einheit?“) oder kurze Achtsamkeitsübungen (z. B. Spaziergänge mit Fokus auf Atmung und Körperspannung) machen den direkten Nutzen von Bewegung erfahrbar. Forschung zeigt, dass freiwillige Bewegung Stress senkt und Wohlbefinden steigert (Gerber, 2007; Fuchs & Gerber, 2017).  

„Sport, der bleibt“ – vom Unterricht in den Alltag übertragen


Unterricht kann als Sprungbrett für eigenständige Bewegungsaktivitäten dienen (Zander, 2017). Schülerinnen entwickeln kleine Konzepte, wie sie Spiele außerhalb der Schule fortsetzen können (Ort finden, Regeln anpassen, Materialien organisieren). So entsteht Selbstwirksamkeit und Eigenmotivation.  

Vorteile von Bewegung klarer kommunizieren


Besonders in der Abiturphase wünschen sich Schülerinnen, dass Schule die direkten Effekte von Bewegung – bessere Konzentration, Stressabbau, gesteigertes Wohlbefinden – deutlicher vermittelt (Wunsch Schülerin D). 

Fazit

Unsere Untersuchung zeigt: Informeller Sport kann Abiturientinnen in der stressintensiven Schulzeit wirksam entlasten, wenn er spontan, niedrigschwellig und ohne Leistungsdruck geschieht. Die Schule könnte hier eine zentrale Rolle einnehmen, indem sie Bewegung nicht nur als Leistung, sondern auch als Ressource für mentale Gesundheit sichtbar macht. Schon kleine Impulse wie eine Exkursion, ein Volleyballspiel im Park oder eine kurze Reflexionsphase können Bewegung nachhaltig in den Alltag integrieren.  

Um unsere Ergebnisse zu vermitteln, haben wir eine Broschüre erstellt, die praktische Tipps für Schülerinnen, Lehrkräfte und Interessierte enthält.  

Die Broschüre dient dazu, die Bedeutung informeller Bewegung auch über unser Projekt hinaus sichtbar zu machen und Denkanstöße für eine stärkere schulische Förderung zu geben.  

 Zur Broschüre geht es hier lang. (PDF, 1.21 MB)

Ausblick

Unsere Ergebnisse basieren auf einer kleinen Stichprobe von vier Schülerinnen. Für zukünftige Untersuchungen wäre es sinnvoll, die Umfrage auf eine größere Gruppe auszuweiten, um ein differenzierteres Bild zu gewinnen. Ebenso spannend wäre es, die Perspektive von Schülern einzubeziehen, um mögliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu analysieren. Darüber hinaus könnte untersucht werden, wie schulische Rahmenbedingungen, etwa Ganztagsstrukturen oder Prüfungsdichte, das Bewegungsverhalten von Jugendlichen beeinflussen.

Literaturverzeichnis

Becker, S., & Börnert-Ringleb, M. (2024). Zur querschnittlichen Beziehung von Leistungsdruck, Leistungsorientierungen und dem Erleben von Angst und Stress in der Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 27, 1329-1350

 

Fuchs, R., & Gerber, M. (2017). Handbuch Stressregulation und Sport. Springer.

 

Gerber, M. (2007). Schützt sportliche Aktivität im Jugendalter vor stressbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen? Empirische Befunde aus der Basler Sport und Stress Studie. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie, 55(2), 77-87.

 

Zander, B. (2017). Lebensweltorientierter Schulsport. Sozialisationstheoretische Grundlagen und didaktische Perspektiven. Meyer & Meyer.

 

Zander, B., & Thiele, J. (Hrsg.) (2020). Jugendliche im Spannungsfeld von Schule und Lebenswelt: Rekonstruktion sportiver Erfahrungsräume in synchroner und diachroner Perspektive. Springer VS.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Tabelle zum Zeitbudget von vier Schülerinnen der Oberstufe. [Grafik]. © Eigene Erstellung, 2025.

Abbildung 2 Zusammenfassende Tabelle zum Zeitbudget von vier Schülerinnen der Oberstufe. [Grafik]. © Eigene Erstellung, 2025.