Wie lassen sich informelle Bewegungsräume kategorisieren?
Erste Schritte zu einer kartenbasierten Beschreibung informeller Bewegungsräume in Osnabrück
Moritz Bley, Lily Gerdemann & Jelka Lohre (WiSe 2025/26)
Wenn Sie an einen Bewegungsraum denken, denken Sie wahrscheinlich zunächst an klassische Sportstätten wie Sporthallen, Fitnessstudios oder Fußballplätze. Selbst wenn Sie etwas mehr darüber nachdenken, fallen Ihnen wahrscheinlich Orte wie Boulderhallen, Trampolinhallen oder vielleicht noch moderne Skateparks ein. Diese Orte haben aber alle eine Sache gemeinsam. Sie wurden genau für diesen Zweck gebaut. Sie sind geplant, ausgestattet und offiziell als Sport- und Bewegungsstätten ausgewiesen und auch die Sportart ist oftmals mit der Art der Sportstätte vorgeplant. Wer in die Boulderhalle geht, geht wahrscheinlich dorthin, um zu bouldern. Schaut man auf die offizielle Funktion von Räumen wird der Blick schnell auf die geographischen, physisch-materiellen und architektonischen Eigenschaften eines Raumes verengt. In der Forschung werden solche Räume dann auch als “Container”/”Containerräume” bezeichnet, doch diese Sichtweise erfasst eben nur einen Teil der informellen Bewegungsmöglichkeiten
& auch Osnabrück ist mehr als nur “Container”!
In der Raumsoziologie wird das sogenannte Containerraum-Modell schon länger kritisch hinterfragt. Martina Löw (2001) beschreibt Räume zum Beispiel eben nicht als etwas statisch, äußerlich Gegebenes, wie es die “Container”-Beschreibungen denken lassen könnten, sondern viel mehr als etwas, das durch soziale Praktiken entsteht. Informelle Bewegungsräume sind demnach nicht nur auf Google Maps zu finden, sondern werden durch Handlungen, Wahrnehmungen oder subjektive Bedeutungszuschreibungen der Menschen hergestellt. Und genau das lässt sich auch in Osnabrück erkennen.
Im Bereich der informellen Sport- und Bewegungsräume gibt es zwar bereits erweiterte Klassifikationen (u.a. Kähler, 2014), die verschiedene Bewegungsräume systematisieren und über die "Container Beschreibung" hinaus denken, trotzdem orientieren diese sich nach wie vor oftmals noch stark an ihrer baulichen Funktion. Und genau das ist, wo wir ansetzen möchten. Wenn wir die Bewegungsräume klassifizieren möchten, müssen wir uns genau die Orte anschauen, an denen kein Schild steht: “Hier wird Sport gemacht”, “Hier wird geklettert" oder “Hier wird Trampolin gesprungen”.
Denken Sie z.B. mal an den Rubbenbruchsee in Osnabrück…oder an ihre typische Fahrradstrecke für eine Sonntagsfahrt…?! - Genau unter Berücksichtigung solcher Fragen ergab sich das Ziel unserer Forschung, eine Klassifikation zu finden, die insbesondere auch den besonders vielfältigen Ausprägungen informellen Sporttreibens entspricht und die ‚versteckten‘ Bewegungspotenziale an teils unscheinbaren Orten sichtbar machen kann. Hierzu sollte die Klassifikation von Bewegungsräumen auch für die Anwendung in einer digitalen Karte praktikabel sein.
Kategorisierung von Bewegungsräumen
Die Kategorisierung von Bewegungsräumen scheint ein umfassendes Thema zu sein. So gibt es eine Vielzahl an Kategorien zur Beschreibung und Sortierung von Räumen, in denen sich Menschen aufhalten und bewegen können. Aufgrund der Vielzahl an möglichen Kategorisierungen, war es kaum möglich, sich für ein einzelnes bereits bestehendes Kategorienschema zu entscheiden. Um den Ansprüchen der Stadt Osnabrück und den dort gegebenen Umständen gerecht zu werden, musste ein ganz individuelles Schema hergestellt werden. Kategorienschema bedingen theoretische Grundlagen. Aufgrund dessen werden nun diverse theoretisch wertvolle Schemata vorgestellt, um im Anschluss darauf ein möglichst perfektes und auf Osnabrück zugeschnittenes Kategorienschema zu erstellen, bei welchem die theoretisch wissenschaftlichen Schemata die Grundlage und Inspiration bieten. Das daraus entstandene Kategorienschema wird dann zum elementaren Fundament unserer Arbeit und der zu entwickelnden Map.
Bevor ein Bewegungsraum kategorisiert werden kann, muss er nach Kähler (2014) drei Kriterien erfüllen, um überhaupt als Bewegungsraum nutzbar zu sein. Ein solcher Bewegungsraum muss zunächst nutzbar und zugänglich sein. Das bedeutet, dass der Raum in unmittelbarer Nähe liegen muss und barrierefrei ist. Zudem sollte er gepflegt und wenn möglich bei Nacht beleuchtet sein. Ein weiteres Kriterium ist die sportliche Nutzbarkeit. Der Bewegungsraum sollte entsprechenden Belag und Maße haben, um gewünschte Sportarten ausüben zu können. Außerdem sollte der Bewegungsraum vielseitig nutzbar sein und sich fernab von Störfaktoren befinden. Abschließend ist eine Nutzung zu gewissen Tages- und Jahreszeiten, sowie bei bestimmten Wetterbedingungen essentiell (vgl. Kähler 2014, S. 268). Diese Kriterien bieten die Basis für einen nutzbaren Ort zum informellen Sporttreiben. Wichtig dabei ist, dass nicht alle Kriterien erfüllt sein müssen, um einen Ort sportlich nutzen zu können. Die Qualität öffentlicher Räume entsteht dabei grundsätzlich durch die Art und Weise, wie Menschen diese nutzen, sich aneignen und umdeuten. Auch institutionalisierte öffentliche Räume, wie Schulen können aus Sicht von Kindern und Jugendlichen eine besondere „Aneignungsqualität“ entwickeln (Deinet 2010, S. 88f). Für die Entwicklung einer Klassifizierung für den Raum in Osnabrück werden drei Kategorienschemata herangezogen. Zunächst wichtig für die Schaffung eines eigenen Schemas ist die Klassifikation nach Schuber 2000, die Typologie öffentlicher Stadträume (zitiert nach Deinet 2010, S. 89). Hierbei wird zwischen 12 verschiedenen Stadträumen unterschieden. Sie unterscheiden sich besonders hinsichtlich der Infrastruktur. Eine Stadt wird dabei in alle hier Einzelteile zerlegt und klassifiziert. So gibt es Kategorien, wie Lokale Räume des Wohnumfeldes, mobile Verkehrsräume, Umfeld von Konsumorten oder auch lokale Mittelpunkte (Deinet 2010, S. 89). Zu jeder Kategorie gibt es dann passende Beschreibungen und Beispiele (vgl. Deinet 2010, S. 89). Diese Typologie eignet sich für unser Schema besonders gut, weil es die Vielzahl an möglichen Orten in einer Stadt aufweist und uns viel Inspiration bietet. Zudem helfen die Beispiele dabei, Orte in Osnabrück den Kategorien zuzuordnen. Gefehlt hat der konkrete sportliche Bezug. So gibt es Räume in der Typologie, wo sicherlich kein Sport getrieben werden kann. Außerdem sind die Räume oft sehr groß gefasst. Für unser Schema sollten die Kategorien daher kleiner und mit Blick auf das Sporttreiben genauer festgelegt werden. Außerdem relevant sind die Raumtypen nach Herlyn et al. 2003 (zitiert nach Deinet 2010, S. 91). Hier wird zwischen 6 verschiedenen Raumtypen unterschieden, wie Räume im Wohnumfeld, grün bestimmte Freiräume oder zentrale Stadtplätze (Deinet 2010, S. 91). Die Typen werden kaum weiter beschrieben und nur mit einigen Beispielen ergänzt. Diese Raumtypen waren eine große Inspiration und einige Elemente konnten uns für die Entwicklung unseres Schemas behilflich sein. Besonders wertvoll ist der Raumtyp der grün bestimmten Freiräume (Deinet 2010, S. 91), da an solchen Orten möglicherweise besonders viel informeller Sport getrieben wird. Etwas kurz war die Beschreibung, da wir hier nicht alle unsere Beobachtungen unterbringen konnten. Zuletzt diente die Klassifikation nach Kähler (2014) als Grundlage. Hierbei wird zwischen 7 verschiedenen Bewegungsräumen unterschieden. Auch diese sind nur kurz beschrieben und mit Beispielen belegt. Beispielhafte Bewegungsräume sind Bildungsstätten, Radwege oder Uferzonen (vgl. Kähler 2014, S. 268). Diese Klassifikation sprach uns am meisten an, da alle Räume dieser Klassifikation auch in Osnabrück zu finden sind. Besonders die genaue Unterteilung von Räumen gefiel uns gut. Unsere Beobachtungen konnten wir den Klassifikationen gut zuordnen. Sodass uns lediglich einige Räume gefehlt haben, die wir für wichtig erachten. Aus diesen drei Klassifikationen konnte nun ein individuelles auf Osnabrück zugeschnittenes Kategorienschema erstellt werden, dieses sieht wie folgt aus:
Unsere Klassifikation ist in 7 verschiedene Kategorien von Bewegungsräumen unterteilt, die alle in der Stadt Osnabrück zu finden sind. Die Kategorien sind jeweils mit Beispielen untermauert worden. Hier die Auflistung der Kategorien:
- Bildungs- und Wissensräume
- Städtische Plätze und Zentren
- Straßen- und Bewegungsräume
- Rad- und Mobilität
- Ufer- und Gewässerräume
- Grünräume und Parkanlagen
- Park- und Abstellflächen
Besonders wichtig war die Unterscheidung von Kategorie 5 und 6, da wir hier die meisten Beobachtungen machen konnten. Außerdem wurde darauf geachtet, die konkret innerstädtischen Kategorien klein zu halten, da informeller Sport hier von uns seltener beobachtet wurde und weiter erforscht werden muss. Das fertige Kategorienschema mit genauen Beispielen, sowie die drei Kategorien, die zur Inspiration dienten, können hier über diesen Link genauer eingesehen werden.
Methodik
Im vorherigen Kapitel wurde eine Klassifikation für Bewegungsräume entwickelt und ausgeführt. Nun werden exemplarische Orte in Osnabrück beschrieben. Um die verschiedenen Orte darzustellen, wurde eine interaktive Karte mit Hilfe der Anwendung OpenStreetMap entwickelt. Zur methodischen Transparenz wird im Folgenden die Erstellung der Karte dokumentiert.
Die Anwendung OpenStreetMap ist eine Community geführte Online-Kartenanwendung. Die Daten stehen unter der Open Database License (ODbL). Die Daten und Karten sind Open Source und können in akademischen Kontexten wie diesem frei verwendet werden. Gegründet wurde die Website im Jahr 2004. Die finanzierende die OpenStreetMap-Foundation folgte 2006. Karten können selbst erstellt und bearbeitet werden. Wie das im Kontext dieser Karte funktioniert wird im Folgenden erklärt. Es werden aber nicht alle Anwendungen im Einzelnen erklärt, da dies den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Bei Interesse können weitere Informationen hier erhalten werden.
Die Strukturierung der Karte erfolgte über sieben thematisch definierte Layer, die den entwickelten Kategorien entsprechen (Ufer- & Gewässeräume, Grünräume & Parkanlagen, Bildungs- & Wissensräume, Park- & Abstellflächen, Rad- & Mobilitätswege, Straßen- & Bewegungsräume und Städtische Plätze & Zentren).
Die Bewegungsräume selbst wurden mithilfe der Punkt-, Linien- und Polygon-Werkzeuge kartiert. Zur Visualisierung der Orte wurde jeweils ein Punkt ergänzt, damit Symbole in der Kartenansicht sichtbar sind.
Die einzelnen Orte wurden auf Grundlage ethnographischer Beobachtungen angelegt. Die Beobachtungen wurden von uns nach folgenden Aspekten dokumentiert:
- Wann
- Wo
- Zielgruppe
- Motorische und physische Sicherheit
- Gesehene Sportarten
- Foto
- Öffnungszeiten
- Links (z. B. Buchung)
- Zugang
Die Aspekte „Wann“ und „Wo“ sowie die Einbindung eines Fotos dienen der Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit der Beobachtungen. Die Aspekte motorische und physische Sicherheit und Sportartenbeschreibung orientieren sich an erweiterten Analysefaktoren nach Kähler (2014, S. 268). Öffnungszeiten, Zugang und weiterführende Links wurden im Verlauf der Untersuchung als relevante ergänzende Informationen identifiziert und entsprechend integriert.
Diese Orte wurden theoretisch-exemplarisch und wegen einer guten Erreichbarkeit ausgewählt, um möglichst alle Kategorien abdecken zu können. Die Beobachtungen umfassten je nach Ort zwischen 20 und 60 Minuten und erfolgten teilweise mehrfach, wurden aber alle mit Hilfe des entwickelten Schemas festgehalten. Einige Orte, wie die Wiese am Rubbenbruchsee wurden aktiv teilnehmend beobachtet, andere wie die Schelverstraße wurden nur passiv teilnehmend beobachtet. Die Texte wurden entsprechend der Beobachtungen, wenn notwendig aus kurzen Notizen aber vor allem aus Gedankenprotokollen möglichst zeitnah verfasst. Die Orte wurden zwischen Mai 2025 und Januar 2026 dokumentiert, sodass es einige deutliche Unterschiede in den Jahreszeiten festzuhalten gibt. Zum Beispiel das Schlittenfahren in der Schelverstraße wurde im Dezember beobachtet, wohingegen das Badmintonspielen im August beobachtet wurde. Die Räume werden also zu unterschiedlichen Jahreszeiten unterschiedlich genutzt. Zudem wurde die Sicherheit subjektiv bewertet.
Ergebnisse
Bislang wurden sieben verschiedene Orte in der Map dokumentiert ( hier geht es zu der Übersicht), um die exemplarische Beschreibung von Orten im Raum Osnabrück zu verdeutlichen. Zurückgegriffen wurde bei jeder Beschreibung auf die oben genannten Aspekte.
1. Für Ufer- & Gewässerräume wurde die Wiese am Rubbenbruchsee beschrieben.
3. Für Straßen- & Bewegungsräume wurde die Schelverstraße am Kalkhügel dokumentiert
4. Für städtische Plätze & Zentren wurde der Skatepark an der Liebigstraße dokumentiert.
6. Für Park- und Abstellflächen wurde der Parkplatz vor dem Ikea beschrieben.
7. Für Grünräume & Parkanlagen wird der Bürgerpark beschrieben.
Fazit und Ausblick
Abschließend stellt sich die Frage: Was nehmen wir (oder hoffentlich auch ihr) aus unserem Projekt eigentlich konkret mit? Bei der Klassifizierung von Bewegungsräumen in Osnabrück haben wir vor allem gelernt, dass Bewegungsräume sich nicht nur am Ort festmachen lassen, sondern davon abhängen, was, wann und unter welchen Bedingungen dort überhaupt Bewegung passiert. Diese Idee war schon grundlegend Teil der Kritik am Containerraum-Modell (vgl. u. a. Löw, 2001), aber durch unsere eigene Suche, die Beobachtungen vor Ort und den Austausch über Erfahrungen mit Bewegungsräumen innerhalb der Gruppenarbeit (vor allem auch außerhalb klassischer „Containerräume“) ist uns genau dieses „was, wann und unter welchen Bedingungen“ nochmal viel deutlicher begegnet. Genau deshalb haben wir unsere (bisher) sieben Orte nicht nur gesammelt oder kurz beschrieben, sondern im Prozess und nach der Sichtung ein Gesamtschema entwickelt, sodass die Klassifikation (Ufer- & Gewässeräume, Grünräume & Parkanlagen, Bildungs- & Wissensräume, Park- & Abstellflächen, Rad- & Mobilitätswege, Straßen- & Bewegungsräume und Städtische Plätze & Zentren)., konkrete Aspekte des informellen Sporttreibens angewendet werden kann (z. B. Wann, Wo, Zielgruppe, Zugang, Sicherheit, Sportart, Foto…). Denn unsere Fotos zeigen zwar den klassifizierten Ort, sie sind aber oft erstaunlich aussagelos, wenn es um konkrete Bewegungsmöglichkeiten geht. Gleichzeitig entstehen beim Blick auf ein Foto oder eine Markierung auf der Karte sofort eigene Interpretationen und Assoziationen. Unser Schema soll genau diese Lücke schließen. Es soll helfen, das „Dahinter“ transparent zu machen und Bewegungsräume so zu beschreiben, dass ihre Individualität sichtbar wird, gerade mit Blick auf informellen Sport und die eher nicht-klassischen Bewegungsräume in Osnabrück. Und genau hier liegt auch der nächste logische Schritt. Das Projekt bietet sich gut an, weitergeführt und erweitert zu werden. So kann mit mehr Räumen, mehr Ideen und neuen Perspektiven langfristig auch das Schema durch jeden neuen Beitrag weiterentwickelt werden, sodass die Sicht auf Osnabrücks Bewegungsräume durch die Brille seiner Bewohner*innen wächst und über die Karte transparent dargestellt und einsehbar wird.
Hier noch einmal der Link zur Karte
Literaturverzeichnis
Deinet, U. (2010). Informelle Bildung als Raumaneignung. In N. Neuber (Hrsg.), Informelles Lernen im Sport: Beiträge zur allgemeinen Bildungsdebatte (S. 79-99). VS Verlag.
Kähler, R. (2014). Städtische Freiräume für Sport, Spiel und Bewegung. vhw FWS 5, 267–270. Zugang unter: https://www.vhw.de/fileadmin/user_upload/08_publikationen/verbandszeitschrift/2000_2014/PDF_Dokumente/2014/5_2014/FWS_5_14_Kaehler.pdf
Löw, M. (2022). Raumsoziologie (11. Aufl.). Suhrkamp.