Exkursion zur mittelalterlichen Geschichte Bremens (09.10.2025)

Kurz vor Semestertart fand eine Exkursion zur mittelalterlichen Geschichte Bremens statt - im Fokus standen der Dom und das Rathaus (und natürlich der 'Roland'), aber viele andere Highlights durften natürlich auch nicht fehlen.

Am 9. Oktober unternahm die Abteilung der Geschichte des Mittelalters eine Exkursion nach Bremen, um sich auf die Spuren der mittelalterlichen Geschichte der Stadt zu begeben. Die Studierende Lina-Sofie Winkler fasst den Exkursionstag zusammen.

Die Exkursion ins mittelalterliche Bremen begann auf dem Vorplatz des Osnabrücker Hauptbahnhofs mit dem sorgfältigen Abhaken der Teilnehmer*innen auf der Anwesenheitsliste, um sicherzustellen, dass niemand unterwegs verloren geht. Dann konnte die Reise offiziell beginnen. Zu Anfang dominierten noch müde Augen, die dann aber bei Kaffee, Snacks und Gesprächen mit den Kommiliton*innen wacher wurden. Aber da die Zugfahrt nicht nur dem freizeitlichen Vergnügen diente, begann am Zielort der stadthistorische Rundgang, der durch die von uns vorbereiteten Kurzreferate der einzelnen Gruppen strukturiert wurde. Jede Gruppe hatte im Vorfeld zu einer spezifischen Besonderheit der Stadt einen thematischen Input ausgearbeitet, sodass wir eine „Best-of Bremen“-Tour durch unsere eigenen Beiträge erhielten. Ergänzend standen zwei gebuchte Führungen im Bremer Rathaus und im Dom zur Verfügung, die uns Studierenden vertiefende Einblicke in die historische Stadtentwicklung ermöglichten.

Der gemeinsame Rundgang folgte dem Walk-and-Talk-Prinzip, also spazieren und nebenbei über Geschichte reden – eine Methode, bei der man Bewegung und geistige Fitness gleichzeitig trainiert. Während des Spaziergangs durch die Innenstadt präsentierten die jeweiligen Expert*innengruppen ihre präparierten Themen. Das erste Team führte in die Entwicklung der Bremer Stadtbefestigung ein und erläuterte die historischen Grundlagen der mittelalterlichen Stadtmauer. Im 10. Jahrhundert war zunächst ausschließlich der Dombezirk ummauert, ehe die Befestigungsanlagen im Laufe der Jahrhunderte schrittweise erweitert wurden. Bis 1305 wurde schließlich auch das Stephaniviertel in die Stadtbefestigung einbezogen. Die Mauer besaß zu diesem Zeitpunkt eine Dicke von etwa 1,20 Metern sowie eine Höhe von rund 5 Metern. Insgesamt bestanden die Befestigungsanlagen aus 22 Türmen, die überwiegend zur Sicherung der Stadtmauer dienten; Gleiches galt für die Stadttore, die einen kontrollierten Zugang ermöglichten. Heute sind von den einst so eindrucksvollen Befestigungsanlagen nur noch wenige bauliche Reste erhalten. Der technologische und militärische Fortschritt machte die mittelalterlichen Mauern im Laufe der Zeit zunehmend funktionslos, sodass große Teile abgetragen oder in die moderne Stadtstruktur integriert wurden.

Vom Dombezirk aus führte unser Rundgang weiter zur Liebfrauenkirche und anschließend über den Marktplatz, der bis heute das städtische Zentrum bildet. Diese Funktion vermag kaum zu überraschen, da der Platz bereits im Mittelalter als zentraler Handelsort genutzt wurde und aufgrund seiner Lage, auf der höchsten und trockensten Ebene der Stadt, optimale Bedingungen für Handel bot. Von dort gelangten wir zum Bremer Rathaus, das bereits im 8. Jahrhundert erstmals Erwähnung fand und in dessen historischen Räumlichkeiten wir eine informative Führung erhielten. Das Rathaus gilt als das einzig erhaltene europäische Rathaus des Spätmittelalters, das nie zerstört wurde, und nimmt daher eine besondere Stellung innerhalb der europäischen Bau- und Politikgeschichte ein. Bis heute dient es als aktives Staatsgebäude und wird weiterhin von politischen Entscheidungsträger*innen genutzt.

Der Gebäudekomplex ist zweigeteilt: Der ältere Teil gilt als das weltweit älteste ununterbrochen genutzte Regierungsgebäude und besitzt einen entsprechend hohen historischen Wert. Der jüngere Anbau beherbergt den Saal, in dem der städtische Senat tagt; entsprechend tragen die Mitglieder der Landesregierung in Anlehnung an die hanseatische Tradition den Titel Senator*in. Unter dem Rathaus befindet sich der Bremer Ratskeller, dessen Weinkultur als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt ist – insbesondere, weil die dort gelagerten Weine nach wie vor ausgeschenkt werden und so eine jahrhundertealte Tradition fortgeführt wird. Für eine Kostprobe hatten wir jedoch leider keine Zeit.

Besonders eindrucksvoll war der Eingangsbereich des Rathauses, in dem der Unterkiefer eines Wals befestigt ist, der heute als dekoratives Leuchtelement dient. Der Walfang, der in Bremen vor rund 250 Jahren eine wirtschaftliche Rolle spielte, wird auf diese Weise sichtbar, zugleich aber kritisch kontextualisiert. Insgesamt vermittelt das Rathaus ein Selbstverständnis von hanseatischer Liberalität und einer reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Während der Führung durch das Rathaus wurde weiterhin deutlich, welche Bedeutung die Schifffahrt für die historische Entwicklung der Hansestadt hatte. Eine große Zahl ausgestellter Schiffsmodelle veranschaulicht die maritime Prägung Bremens. Neben dem Handel mit klassischen Gütern spielte auch der Import von Luxuswaren eine Rolle. So ließ etwa der Kurfürst von Braunschweig grünen Pfeffer nach Bremen bringen, was der Stadt wirtschaftliche Stabilität und zusätzliche Einnahmen verschaffte. In der heutigen Böttcherstraße – früher ein Ort handwerklicher Tätigkeiten – befanden sich wesentliche Bereiche des Schiffbaubetriebs, wodurch auch hier die enge Verbindung zur Schifffahrt sichtbar wird.

Innerhalb des Rathauses erhielten wir darüber hinaus Einblicke in die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Kunst- und Kulturgeschichte. Besonders eindrucksvoll war die gut erhaltene gotische Schnitzkunst sowie der Blick in die prunkvolle Güldenkammer, die bis heute als repräsentativer Veranstaltungsraum für politische Anlässe genutzt wird.

Im Anschluss begaben wir uns zur zweiten Führung des Tages, die in den Bremer Dom mit seinem Dommuseum führte, einem weiteren zentralen touristischen und historischen Anziehungspunkt der Stadt. Die Baugeschichte des Doms ist vielschichtig und erstreckt sich über mehr als ein Jahrtausend. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts bildete der Dom den Mittelpunkt der damaligen Siedlung und lag auf dem höchsten Punkt der Dünenlandschaft. Der erste hölzerne Kirchenbau wurde 789 vom sächsischen Bischof Willehad errichtet und um 805 durch einen steinernen Bau ersetzt. Nach mehreren Phasen der Zerstörung und des Wiederaufbaus entstand im 11. Jahrhundert eine dreischiffige Basilika, die bis heute die Grundstruktur des Doms prägt. Weitere Umbauten erfolgten um 1500, gefolgt von einer umfassenden Restaurierung zwischen 1888 und 1901. Bedingt durch die Schäden des Zweiten Weltkrieges wurden von 1972 bis 1985 erneut umfangreiche Rekonstruktionsmaßnahmen durchgeführt.

Ein weiterer Halt der Exkursion war die Rolandstatue auf dem Marktplatz. Die räumliche Nähe zwischen Roland und Rathaus verweist auf ihre symbolische Verbindung. Beide Bauwerke entstanden zeitlich nah beieinander und gehören seit 2004 gemeinsam zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Roland gilt als Symbol der bürgerlichen Freiheiten und Rechtsautonomie Bremens und steht historisch für Marktrecht, Gerichtsbarkeit und Reichsunmittelbarkeit.

Anschließend führte uns der Weg zur Kirche St. Johann, die aus dem ehemaligen Franziskanerkloster hervorgegangen ist. Die Franziskaner ließen sich um 1225 in Bremen nieder und errichteten 1241 ihr erstes Kloster. Nur wenige Jahrzehnte später entstand die Kustodie, eine regionale Verwaltungseinheit, zu der die Franziskanerkonvente in Bremen, Hamburg, Stade, Kiel und Lüneburg gehörten. Die Kirche St. Johann ist ein Beispiel der norddeutschen Backsteingotik und zeigt typische architektonische Merkmale dieser Stilform.

Im Anschluss erkundeten wir das Schnoorviertel, eines der ältesten und zugleich am besten erhaltenen historischen Quartiere der Stadt. Der Schnoor wurde im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, vermutlich im Zusammenhang mit dem nahegelegenen Franziskanerkloster. Das Viertel war im Mittelalter von kleinen Handwerksbetrieben geprägt und galt als eher ärmliche Wohngegend. Charakteristisch sind die engen Gassen und die giebelständigen Häuser, die mit gemeinsamen Brandwänden zu dichten Reihen zusammengefügt sind. Besonders bemerkenswert sind die sogenannten Uhlenlöcher – kleine, meist dreieckige Öffnungen unter den Dachspitzen, die der Belüftung dienten oder Vögeln wie Schwalben und Eulen als Eingang in die Dachräume ermöglichten. Diese Tierhaltung diente zugleich der natürlichen Schädlingsbekämpfung und zeigt exemplarisch die funktionale Nutzung städtischer Bauformen.

Den Abschluss der Exkursion bildete ein Abstecher zur Schlachte, der historischen Uferpromenade an der Weser. Die Schlachte war über Jahrhunderte Bremens bedeutendster Binnenhafen und erstmals 1250 belegt. Der Name leitet sich vom niederdeutschen slagte bzw. slait ab und verweist auf das Einschlagen der Pfähle, die zur Uferbefestigung dienten. Bereits im 13. Jahrhundert erstreckte sich die Schlachte über rund 100 Meter und wurde als zentrale Anlegestelle für Boote und kleinere Handelsschiffe genutzt. Nach der weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entwickelten sich die verbliebenen Anlagen zu einer modernen Flaniermeile und wesentlichen touristischen Promenade direkt am Weserufer. Von dort aus traten wir schließlich die Rückreise an.

Zum Abschluss der Exkursion reflektierten wir gemeinsam den Verlauf des Tages sowie die gewonnenen Eindrücke. Besonders positiv wurde hervorgehoben, dass die Stadtführung eine direkte räumliche Verortung der historischen Inhalte ermöglichte und deutlich machte, wie sich mittelalterliche Strukturen bis heute im Stadtbild Bremens nachvollziehen lassen. Die Kombination aus eigenen Kurzreferaten, architektonischen Beobachtungen und den fachkundigen Führungen im Rathaus und im Dom führte zu einer vertieften inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte und ihrer baulichen Entwicklung.

Insgesamt erwies sich die Mischung aus selbstständig erarbeiteten Beiträgen, fachlicher Expertise und unmittelbaren Eindrücken vor Ort als ein gelungenes didaktisches Konzept.

Nach der abschließenden Reflexion traten wir zufrieden und leicht erschöpft den Heimweg an. Einige Studierende waren von Bremen so begeistert, dass sie gleich dort geblieben sind, um den Abend noch in der Stadt zu verbringen.