Das Katholische Büro in Bonn und die Ehescheidungsreform. Der Wandel der religiösen Interessenvertretung in der Bundesrepublik zwischen 1949 und 1976
Projekt: Mag. theol. Michael Neumann M.A.
Wie agierten katholische Vertreter, wenn es darum ging, in der demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik religiöse Glaubenswahrheiten politisch zu verteidigen? Das an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster betreute Dissertationsprojekt von Michael Neumann untersucht diese Frage am Beispiel der kirchlichen Lehre der Unauflöslichkeit der Ehe und der geschlechterspezifischen Rollenordnung innerhalb dieser. Anhand dreier zentraler Ehereformgesetze, dem Gleichberechtigungsgesetz 1957, dem Familienrechtsänderungsgesetz 1961 und dem Ersten Ehe- und Familienrechtsänderungsgesetz 1976, wird analysiert, wie die katholische Kirche durch das Katholische Büro in Bonn auf Fragen der staatlichen Ehescheidung politisch Einfluss zu nehmen versuchte. Im Zentrum steht dabei der Wandel der religiös legitimierten Interessenvertretung des Katholischen Büros zwischen 1949 und 1976, welches als Verbindungsbüro an der Schnittstelle zwischen Kirche und Politik agierte.
Der Untersuchungszeitraum war geprägt von tiefgreifenden Veränderungen in Kirche, Politik und Gesellschaft: Politische Machtwechsel, die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) und der gesellschaftliche Wandel beeinflussten und veränderten das Selbstverständnis und die Arbeit des Katholischen Büros erheblich. Auf der Grundlage politikwissenschaftlicher Vorüberlegungen und angelehnt an Jürgen Habermas‘ Überlegungen zum Status der Legitimität religiöser Überzeugungen in pluralen und säkularen Gesellschaften analysiert das Projekt, wie das Katholische Büro während der beschriebenen Umbrüche agierte. Vor diesem theoretischen Hintergrund untersucht es konkrete Veränderungen, aber auch Kontinuitäten in der Arbeit des Büros sowie Strategien der handelnden Akteure zur Durchsetzung kirchlicher Ziele.
Hierbei stehen die politische Netzwerkarbeit des Katholischen Büros, die Mobilisierung der katholischen wie evangelischen Öffentlichkeit sowie die „Übersetzung“ kirchlicher Lehre in die Sprache und die Logiken des politischen Betriebs im Zentrum der Studie. Auch die innerkirchlichen Abstimmungsprozesse und nicht zuletzt das Selbstverständnis des Katholischen Büros stehen im Fokus.