(K)ein Platz am Tisch des Herrn? Das Hirtenwort der oberrheinischen Bischöfe zur Geschiedenenpastoral von 1993 und dessen Rezeption in der Bistumspresse von Mainz, Rottenburg-Stuttgart und Freiburg

Projektleitung:   Prof. Dr. Martin Belz

Dürfen Wiederverheiratete Geschiedene in der katholischen Kirche die Kommunion empfangen – oder sind sie für die Dauer der zweiten standesamtlichen Ehe von der Eucharistie ausgeschlossen? Diese Frage erregte zwischen Herbst 1993 und Frühjahr 1995 die Gemüter im bundesdeutschen Katholizismus und insbesondere in den drei Bistümern der Oberrheinischen Kirchenprovinz (Freiburg, Mainz und Rottenburg-Stuttgart). Was war geschehen?

Im Herbst 1993 forderten die (Erz-)Bischöfe Oskar Saier (Freiburg), Karl Lehmann (Mainz) und Walter Kasper (Rottenburg-Stuttgart) in einem gemeinsamen Hirtenwort einen wertschätzenden Umgang mit Wiederverheirateten Geschiedenen in der Gesamtkirche und in den Pfarrgemeinden und öffneten zugleich erste Wege zu ihrer Zulassung zur Kommunion im Einzelfall. Nach einer ablehnenden Antwort auf dieses Ansinnen von der römischen Glaubenskongregation unter Joseph Kardinal Ratzinger im September 1994 erfolgte deutschlandweit, aber auch international eine ausführliche, zum Teil äußerst emotional geführte Diskussion über den Vorschlag der drei Bischöfe. An dieser Diskussion beteiligten sich zahlreiche Gläubige und brachten ihre Argumente sowie ihre Glaubensüberzeugungen und Lebenserfahrungen in die Debatte ein. Der Streit um das Für und Wider der Zulassung Wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion wurde so zu einem katholischen Politikum, das weit über die regionalen Grenzen der Oberrheinischen Kirchenprovinz hinaus rezipiert wurde.

Vor diesem Hintergrund fragt die Studie nach der Rezeption des gemeinsamen Hirtenwortes und der römischen Antwort durch Leserinnen und Leser in den Bistumszeitungen der drei Bistümer sowie weiterer benachbarter Diözesen (Limburg, Trier, Würzburg), die zum überregionalen Vergleich herangezogen werden. Damit verfolgt die Untersuchung einen rezeptions- sowie alltags- und mentalitätsgeschichtlichen Ansatz, der sich unter dem Stichwort „doing catholicisms“ zusammenfassen lässt. Im Fokus stehen dabei die Aneignungs- und Abgrenzungsprozesse von Katholikinnen und Katholiken gegenüber lehramtlichen Vorgaben zur eigenen Lebens- und Glaubensrealität.

Erste Ergebnisse konnten bereits in zwei Aufsätzen veröffentlicht werden.

Literaturhinweise:

Martin Belz, Seelsorglicher „Befreiungsschlag“ oder „antikatholischer Anschlag“? Das Hirtenwort der oberrheinischen Bischöfe zur Geschiedenenpastoral von 1993 als Streitobjekt zwischen Mainz und Rom, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 76 (2024), S. 403–438.

Martin Belz, Zwischen dogmatischem Prinzip und pastoraler Klugheit. Das Gemeinsame Hirtenwort der oberrheinischen Bischöfe zur Pastoral mit Wiederverheirateten Geschiedenen von 1993, in: Ulli Roth (Hrsg.), Katholisch in 75 Jahren Rheinland-Pfalz. Personen, Orte, Ereignisse, Ideen (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 145), Münster 2022, S. 267–271.

Titelseite des gemeinsamen Hirtenwortes der oberrheinischen Bischöfe zur Geschiedenenpastoral, 1993
© Bistum Mainz / Martinusbibliothek Mainz, Bearbeitung: Martin Belz
Titelseite des gemeinsamen Hirtenwortes der oberrheinischen Bischöfe zur Geschiedenenpastoral, 1993