Was verrät uns ein spätmittelalterlicher Chorstuhl über die Stellung der Äbtissin von Bersenbrück? Welche kunsthistorische Bedeutung kommt dem Äbtissinnenstuhl zu? Und was hat dieser Stuhl mit einem Papst des 20. Jahrhunderts zu tun?
Diesen Fragen widmete sich Prof. Dr. Martin Belz in einem spannenden und kurzweiligen Vortrag am vergangenen Donnerstag, 8. Mai 2025, in der Reihe „Kunst in Kürze“ im Diözesanmuseum Osnabrück, zu dem etwa 30 Zuhörinnen und Zuhörer gekommen waren. Unter dem Titel „Der Äbtissinnenstuhl. Selbstbewusste Ordensfrauen im Bistum Osnabrück – oder: Was uns ein spätmittelalterlicher Chorstuhl verrät!“ legte Martin Belz die Geschichte des 1231 gestifteten und 1787 säkularisierten Klosters Bersenbrück dar und erläuterte die kunstgeschichtliche Bedeutung des reich verzierten spätmittelalterlichen, am Beginn des 16. Jahrhunderts hergestellten Stuhles.
Neben der künstlerischen Gestaltung des Stuhles ging Martin Belz auch auf die historischen Entwicklungen des Äbtissinnenamtes vom Mittelalter bis zur Gegenwart und auf eine klösterliche Intrige in der Frühen Neuzeit ein, die in dem Rauswurf einer Äbtissin kulminierte. Einen besonderen Fokus legte er zudem auf die liturgische und repräsentative Funktion des Stuhles, wie sie in historischen Wahlprotokollen beschrieben ist: Auf ihm nahm die neuerwählte Amtsinhaberin nach ihrer Wahl im Chorraum der Kirche Platz und empfing Schlüssel, Ordensregeln und Äbtissinnenstab. Die feierliche Einführung war somit der Inthronisation eines Bischofs nachempfunden und der Stuhl galt als Zeichen der Regierungsgewalt der Äbtissin, der als Leiterin des Konvents eine herausgehobene Stellung zukam. So zeigt der Stuhl, dass die Rolle von Frauen in der Kirche historisch deutlich pluraler ausgestaltet war, als gemeinhin angenommen.
Schließlich konnte Martin Belz anhand von historischen Fotos belegen, dass höchstwahrscheinlich sogar Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Osnabrück im November 1980 auf dem historischen Stuhl Platz genommen hat. Als Martin Belz mit diesem Ausblick in die jüngere Vergangenheit der Osnabrücker Bistumsgeschichte seinen Vortrag abschloss, machte zeitgleich die Nachricht der Wahl Papst Leos XIV. im Vatikan unter den interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern die Runde. So konnte Friederike-Andrea Dorner als Vertreterin des Diözesanmuseums auf einen gelungenen Abend in der Reihe „Kunst in Kürze“ blicken, der allen Anwesenden in besonderer Erinnerung bleiben wird.