Da sei, so Eisfeld, zum einen, dass die USA, jenes Land, das Alexis de Tocqueville vor 200 Jahren den Anstoß gab, über den Vormarsch der Gleichheit zu schreiben, zum Schauplatz krasser sozialer Ungleichheit geworden ist, mit der gravierenden Folge einer faktisch regierenden politischen Oligarchie. Und zum anderen, so der Wissenschaftler weiter: Dasselbe freiheitliche Land, das den von den Nazis aus Deutschland ausgebürgerten Thomas Mann aufnahm, demonstriere gegenwärtig, dass es jene dunkle Seite besitzt – Isolationismus, rassische Intoleranz, verstockte Renitenz gegenüber sozialen Veränderungen –, die Thomas Mann mit der Sensibilität des einmal Vertriebenen früh (1944) erkannt hatte.
„Die Fixierung auf Donald Trumps Person, auf seine shock-and-awe-Praktiken“, unterstreicht Eisfeld, „darf nicht den Blick verstellen für die Fehlentwicklungen, die Trumps Aufstieg ermöglicht haben und einer Wiederbelebung amerikanischer Demokratie entgegenwirken.“ Als solche benennt er: „Eine bis an die Zähne bewaffnete, tief verunsicherte Gesellschaft; ein ‚Wegsperrstaat‘ mit aktuell 1,9 Millionen Häftlingen (der größten Zahl auf der Erde), denen das Wahlrecht entzogen ist und häufig bleibt; die Machtstellung einer Allianz aus privatem Reichtum und politischem Einfluss, die für höchst mangelhafte Repräsentativität des politischen Systems sorgt. Hinzu kommt eine von Fantasien weißer Dominanz durchsetzte politische Kultur; eine Republikanische Partei, derer sich ein rassistisch gefärbter weißer evangelikaler Nationalismus bemächtigt hat. Und schließlich – viel zu häufig vernachlässigt – ein Oberster Gerichtshof (Supreme Court), dessen Entscheidungen als Einfallstor wirken für die Verfestigung der Wende von der Demokratie zu einer zunehmend autoritärer agierenden Oligarchie.“
Dies müsse als Fundamentalkonflikt betrachtet werden, so Eisfeld, vor dem Hintergrund eines gegenwärtigen Umbruchs der amerikanischen Gesellschaft: Deren demographische Zusammensetzung habe das Einwanderungsgesetz von 1965, das die seit 1921 gültigen Quotierungen nach „erwünschten“ und „unerwünschten“ Ländern abschaffte, tiefgreifend verändert. Seit den 1990er Jahren verwendet die Statistikbehörde U. S. Census Bureau den Begriff „majority-minority area“ für Städte und Bundesstaaten, in denen die nicht-hispanische weiße Bevölkerung weniger als 50 Prozent aller Einwohner ausmacht, ohne dass eine einzelne andere ethnische Gruppe die Mehrheit stellt. 2015 wurden 25 Großstädte – darunter Chicago, Los Angeles, New York – derart eingestuft, 2020 die Staaten Kalifornien, New Mexico, Nevada, Texas, Florida, Georgia und Maryland. Die Prognose für die gesamten USA geht dahin, dass sie in 20 Jahren ein „majority-minority“-Land sein werden.
Rainer Eisfeld hat als Gastprofessor am Department of Political Science der University of California at Los Angeles (UCLA) gelehrt. Zuvor arbeitete er zweimal als Gastwissenschaftler am UCLA Center for European and Eurasian Studies, danach am College of Social and Behavioral Sciences der University of Arizona in Tucson. Eisfeld: „Wie bedroht Amerikas Universitäten durch Trumps Gleichschaltungsstrategien sind, zeige nicht nur ich. Aber auch deswegen musste dieser Essay geschrieben werden.“
Rainer Eisfeld: Amerikas Demokratie vor dem Scheitern. Ungleichheit, Oligarchiebildung, Trump – und der Supreme Court. Wiesbaden: Springer 2026
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Prof. Dr. Rainer Eisfeld, Universität Osnabrück
Institut für Sozialwissenschaften
E-Mail: rainer.eisfeld@uos.de