Mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine und der sich verändernden Rolle der USA sieht sich Deutschland mit einer neuen geopolitischen Sicherheitslage konfrontiert, die zu einer Rejustierung politischen Prioritäten und insbesondere einer deutlichen Steigerung von Ausgaben im Rüstungssektor führt. Dies trifft auf eine ökonomische Situation, in der Teile des produzierenden Gewerbes mit massiven Schrumpfungsprozessen konfrontiert sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Ausweitung der Rüstungsproduktion im Spannungsfeld von politischen und ökonomischen Logiken verhandelt wird.
Der Vortrag argumentiert, dass die sich vor diesem Hintergrund entfaltenden Dynamiken nicht einfach als (rein) wirtschaftsgeographische Prozesse betrachtet werden können, sondern dass die Expansion der Rüstungsindustrie vielmehr durch eine Vielzahl von Dynamiken geprägt ist, deren Verständnis politisch-geographischer Analyseperspektiven bedarf. Dies wird anhand von drei empirischen Schlaglichtern gezeigt: Erstens dem diskursiven Wandel der Rüstungsindustrie in Deutschland seit 2022, weg von einem „Schmuddelimage“ hin zu einem als notwendig angesehenen Wirtschaftszweig; zweitens anhand der Rolle von Lobbyismus und polit-ökonomischen Dynamiken der Standortssuche in der Rüstungsindustrie am Beispiel von Baden-Württemberg und Sachsen und drittens den Auswirkungen der Umstellung auf Rüstungsproduktion auf die Identitätskonstruktionen von Arbeiterinnen und Arbeitern am Beispiel der Übernahme des Waggonbauers Alstom in Görlitz durch den Panzerbaukonzern KNDS.