87 Jahre ist er alt, im April wird er 88. Obwohl der Anglist bereits 2003 an der Universität Osnabrück emeritiert wurde, bietet er weiterhin Lehrveranstaltungen an und ist damit der wohl älteste noch aktive Professor der Uni Osnabrück. Warum er das macht? „Weil ich dabei unendlich viel lerne“, sagt er und lacht.
Das Büro von Prof. Husemann im Universitätsgebäude 41 am Neuen Graben ist kaum zu verfehlen: britisch-deutsche Karikaturen markieren den Weg auf dem Flur und weisen auf eine seiner Leidenschaften hin – Cartoons. Mit dem Osnabrücker Karikaturisten Fritz Wolf war er privat befreundet, andere Zeichner lernte er im Laufe seiner Lehrzeit kennen und schätzen. Ein weiterer Hinweis darauf, mit wem man es auf der anderen Seite der schweren grünen Tür zu tun haben könnte, gibt eine an Kork befestigte Zeichnung: Es ist Paddington. Mit Köfferchen, rotem Schlapphut und blauem Regenmantel. „Ich liebe die Bücher über Paddington Bär“, sagt Prof. Harald Husemann. Auch die Frage nach seinem Lieblingsbuch beantwortet der Professor für englische Literatur gerne mit „Paddington“.
Ansonsten lande er immer wieder bei dystopischer Literatur, die erschreckend zeitgemäß wirke: „Ein Buch wie The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood – aktueller geht’s ja eigentlich nicht“, meint Harald Husemann mit Blick auf die derzeitige Weltlage.
Auch wenn der 87-Jährige im Hier und Jetzt lebt, blickt er mit scharfem Verstand auf die Vergangenheit zurück: Harald Husemann wurde 1938 in Heide in Schleswig-Holstein geboren. „Mein Vater war ein überzeugter Nationalsozialist und profitierte als Beamter auch vom System.“ Über dem heimischen Sofa habe ein Bild „unseres geliebten Führers“ gehangen, wie Husemann trocken berichtet. Dort hing es noch bis zum Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht – am nächsten Morgen war es verschwunden. „Ich tingele immer noch durch die Schulen in der Region, um als Zeitzeuge zu berichten“, sagt Husemann. Und auch sein Vater habe ihn bei einigen dieser Gespräche begleitet.
Darüber hinaus engagiert sich der Osnabrücker Professor seit 14 Jahren im Sozialfonds für Osnabrücker Studierende e. V., kurz: SOS. Die Hilfsorganisation unterstützt Studierende von Uni und Hochschule Osnabrück, die unverschuldet in eine akute, oft finanzielle Notlage geraten sind. Die Fälle würden ihn nachhaltig beschäftigen, sagt Husemann. Dann erzähle er seiner Frau davon, die dann nicht selten meine: „Warum tust du dir das an? Bleib doch zu Hause!“ Ja, warum bleibt er nicht einfach zu Hause? Der Professor seufzt schwer. „Ich habe ein Problem. Ich habe nämlich überhaupt keine Hobbys.“
Sein Universitätsbüro sei sein zweites Wohnzimmer, und ein bisschen sieht es so auch aus: Gemütliche Polsterstühle, auf denen mehrere Teddybären, darunter natürlich Paddington Bär, sitzen. An der Wand hängt viel Persönliches, unter anderem eine Karikatur von Prof. Husemann selbst, und auf dem Tisch stehen Kekse, die ihm eine Studentin gebacken hat. „Ich ernähre mich von Kaffee und Keksen“, sagt Husemann. Und wenn es seiner Frau zu viel wird mit seinen Problemen, dann spreche er eben mit seinem besten Freund darüber: dem Hausmeister der Universität, Adolf Klein. „Ein Mann mit einem phänomenalen Humor und mein persönlicher Beichtvater“, wie Husemann sagt.
Nach seinem Studium in Kiel und London kam Harald Husemann 1974 an die Uni Osnabrück, erlebte also den Aufbau dieser jungen Universität von Anfang an mit. Etwas wehmütig denkt er an diese Zeit zurück, als alles etwas freier und ungezwungener war. „Es gab wenig Führung – weder für die Studierenden noch für uns Dozenten.“ Damals habe er noch überall in der Universität rauchen dürfen, und zwar nicht nur in seinem Büro oder auf den Fluren, sondern sogar im Seminarraum. Er erinnert sich an einen Studenten, den er sehr mochte, der ihm irgendwann erzählte, dass er im 29. Semester sei. Heute? Undenkbar. „Die Jungen haben heute viel mehr Druck“, sagt er. Den Vorwurf, die Studierenden von heute seien weniger leistungsbereit als früher, kann er nicht nachvollziehen.
Im Gegenteil: Er persönlich lerne so viel von seinen Studierenden. All seine digitalen Kompetenzen habe er seinen „Studis“ zu verdanken, sagt Husemann. Zudem erhalte er durch den Kontakt zu jungen Leuten viele neue Impulse und Perspektiven. „Ich mache es mir ja gerne leicht und wärme einfach frühere Themen nur noch mal auf“, sagt er mit ironischem Unterton. Für das nächste Semester plane er ein Seminar zu den Klassikern von Jane Austen. Die habe er 1993 schon einmal gelehrt. Aber gerade der weibliche Blick auf Austen sei heute ja ein ganz anderer als damals.
Wie lange Harald Husemann Studierenden in seinem zweiten Wohnzimmer noch Kekse anbieten will, weiß er nicht. „Meine Frau war selbst Englischlehrerin, und eigentlich war uns klar: Wenn wir einmal pensioniert sind, dann suchen wir uns einen Alterssitz in Südengland“, sagt der Uni-Professor. Doch wie das Leben so spielt: „Jetzt haben wir uns so eingerichtet. Jetzt wollen wir hier nicht mehr weg.“