105/2025
Brutvögel-Artenvielfalt

Langfristige Veränderungen übertreffen Auswirkungen des Hochwassers

Im Naturschutzgebiet Ahrmündung bei Sinzig ist es seit 1984 zu einer deutlichen Verschiebung im Artenspektrum der Brutvögel gekommen. Während eher weit verbreitete Gebüsch- und Waldarten zunahmen, gingen viele seltene Arten offener Lebensräume zurück.

Diese Langzeitentwicklung war bedeutend stärker und nachhaltiger als die Auswirkungen des Ahrhochwassers von 2021. Dies weist eine Studie von Biologinnen und Biologen der Uni Osnabrück mit der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bonn nach.

Ein Team von Ornithologinnen und Ornithologen hat die Vergleichsuntersuchung durchgeführt, die sich auf Kartierungen aus den Jahren 1984, 2020 und 2022 stützt. Die Ergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift “European Journal of Ecology” erschienen. Beteiligt waren Ehrenamtliche der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bonn am Leibniz Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels und Wissenschaftler der Universität Osnabrück.

Naturschutzgebiete haben das vorrangige Ziel, die lokale Biodiversität zu schützen und zu erhalten. Allerdings fehlen für viele Schutzgebiete historische Daten zur Artenzusammensetzung und Häufigkeit, was eine Beurteilung der Funktionalität der Gebiete erschwert. „Im Fall des Naturschutzgebiets Ahrmündung waren wir in der glücklichen und seltenen Lage, dass uns nicht nur mehrere Jahrzehnte alte Daten zur Verfügung standen, sondern auch welche aus einer aktuellen Kartierung aus dem Jahr 2020. Diese Daten konnten wir dann mit unseren Daten aus 2022 vergleichen“, sagt Götz Ellwanger von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bonn. Es hat sich gezeigt, dass die im Managementplan des Naturschutzgebietes beschriebene Entwicklung eines flussbegleitenden Auwaldes zwar eingetreten ist, die gleichzeitig geforderte Entwicklung des Gebiets für die Belange von Vogelarten, die offenere Lebensräume benötigen, aber nicht stattgefunden hat. Seit 1984 konnte eine starke Bestandszunahme bei Gebüsch- und Waldarten wie Mönchsgrasmücke und Zilpzalp und die Etablierung einer stabilen Nachtigallpopulation beobachtet werden, Offenlandarten wie Sumpfrohrsänger, Girlitz oder Feldsperling hingegen gingen stark zurück oder verschwanden ganz aus dem Gebiet.

„Ursprünglich hatten wir erwartet, dass die Ahrflut vom Juni 2021 an der Ahrmündung starke Auswirkungen auf die Vogelwelt hatte. Dies ist jedoch kaum zu beobachten“, so PD Dr. Stefan Abrahamczyk von der Universität Osnabrück. Im Folgejahr waren die Bestände einzelner Unterholzarten zwar leicht reduziert, aber die langfristige Gesamtentwicklung des Naturschutzgebietes hatte deutlich stärkerer Auswirkungen als das einzelne Katastrophenereignis.

Bei den beiden Kartierungen von 2020 und 2022 hat sich außerdem gezeigt, dass die Fettwiesen im Süden und Nordosten des Schutzgebiets kaum von Vögeln als Brutplatz genutzt werden, da sie trotz Einstellung der Düngung und regelmäßiger Mahd noch immer zu dicht und hochwüchsig sind, was für Vögel ungeeignet ist. Auch werden diese Flächen regelmäßig von Personen mit Hunden begangen, so dass von einer starken Störung des Gebietes ausgegangen werden kann. Die Artenvielfalt auf diesen Flächen würde höchstwahrscheinlich von einer extensiven Beweidung, z.B. durch Wasserbüffel, deutlich profitieren. Dies wurde bereits in der Vergangenheit vorgeschlagen und diskutiert, allerdings nach der Flut 2021 nicht weiterverfolgt.

Publikation: Ellwanger G., van der Geest O., Grimm J., Haubrich J., Stiels D., Abrahamczyk S. 2025 Long-term decline and homogenization of an avian community surpasses effects on bird diversity caused by a single extreme flood event. European Journal of Ecology:  https://doi.org/10.17161/eurojecol.v11i1.21879 

Weitere Informationen für die Redaktionen:
PD Dr. Stefan Abrahamczyk, Universität Osnabrück
Botanischer Garten
 stefan.abrahamczyk@uos.de

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