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Pressemeldung

Nr. 240 / 2017

05. Dezember 2017 : Ein digitales Modell der Osnabrücker Gestapokartei: Historiker starten neues Forschungsprojekt

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat dem Historiker und Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, Prof. Dr. Christoph Rass, die Förderung des Projekts ‚Überwachung. Macht. Ordnung – Personen- und Vorgangskarteien als Herrschaftsinstrument der Gestapo‘ bewilligt, bei dem zum ersten Mal eine Personen- und Vorgangskartei der Geheimen Staatspolizei des „Dritten Reiches“ mit Methoden der digital history ausgewertet werden soll. Grundlage hierfür ist die Kartei der Osnabrücker Gestapo.

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© Universität Osnabrück / Elena Scholz

Begutachten die Gestapokartei im Keller des Osnabrücker Archivs: Dr. Birgit Kehne, Standortleiterin Osnabrück des Niedersächsischen Landessarchivs, Prof. Dr. Christoph Rass und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Sebastian Bondzio.

Kaum eine andere Institution war im „Dritten Reich“ gegenüber der eigenen Bevölkerung so unmittelbar für die Umsetzung der NS-Gewaltpolitik verantwortlich wie die Geheime Staatspolizei (Gestapo). Die bei Kriegsende fast vollständige Vernichtung ihrer Akten und Karteien ist ein Hauptgrund dafür, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gestapo hinter der Forschung zu anderen NS-Institutionen zurücksteht. »Für uns«, so Projektleiter Christoph Rass, »steht nun das Ziel im Mittelpunkt, die Analyse der eigentlichen Machtmechanismen der Gestapo mit neuen Ideen und Methoden weiter voran zu treiben«.

Haben dabei bisher die wenigen überlieferten Sach- und Personalakten der Gestapo eine zentrale Rolle gespielt, rückt nun zum ersten Mal die systematische Bearbeitung einer der erhaltenen Gestapokarteien ins Zentrum eines Forschungsprojekts. »Das Projekt ist für uns besonders interessant, da wir zu den Anfängen der Entwicklung von Personen- und Vorgangskarteien zurück gehen, die den Aufstieg von Vorratsdatenspeicherung zu einem zentralen Herrschaftsinstrument der Moderne begründet haben«, so Rass weiter.

Die Entwicklung solcher Werkzeuge und der Praktiken ihrer Nutzung wollen die Osnabrücker Historiker nun in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Osnabrück, untersuchen, das die Osnabrücker Gestapokartei – eines der wenigen überhaupt erhaltenen Exemplare dieser Quellengattung – in seinen Beständen verwahrt. »Es ist ein ganz wichtiger Schritt für Forschung und Archiv, dass diese wichtige Quelle nun mit modernsten Methoden erschlossen und bearbeitet werden kann«, kommentiert Dr. Birgit Kehne, Leiterin des Standortes Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs den Projektstart.

Das Landesarchiv bereitet nun die Digitalisierung der Karteikarten vor, deren Inhalte dann im Projekt maschinenlesbar gemacht und ausgewertet werden. Es handelt sich dabei um rund 50.000 Karten, die Lebenslaufdaten von Personen verzeichnen, die in der NS-Zeit „staatspolizeilich in Erscheinung getreten sind“, sowie Informationen über Gründe und Umstände ihrer Verfolgung. »Diesen Wissensspeicher der Gestapo wollen wir nun verstehen und nicht nur die Verfolgungspraktiken der Gestapo flächendeckend für den Regierungsbezirk Osnabrück rekonstruieren, sondern auch Einblicke in die handlungsleitende Wissensproduktion des NS-Staates gewinnen«, umreißt Prof. Dr. Christoph Rass die Ziele des Projekts. Er und sein Team versprechen sich von den nun beginnenden Forschungen wichtige Fortschritte in der Entwicklung und Anwendung digitaler Methoden in der Geschichtswissenschaft – einem Schwerpunkt seiner Arbeitsgruppe – sowie einen Beitrag zum Verständnis der Zusammenhänge zwischen Überwachung, Wissensproduktion und Macht.

Weitere Informationen für die Redaktionen:
Prof. Dr. Christoph Rass, Universität Osnabrück
Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften
Neuer Graben 19/21, 49074 Osnabrück
Tel.: +49 541 969 4912
christoph.rass@uni-osnabrueck.de